Essay, Kolumne

Vom Alleinsein

Ich beobachte mich, wie ich alleine gehe. Von der Wohnung zur Arbeit. Zum Essen. In die Wohnung zurück. Manchmal mit einem Umweg über den Supermarkt oder den Bioladen oder die Post. Ich gehe alleine. Und sehe mir dabei zu. Wie in einem Film. Welche Musik könnte passen? Kommentare? Nicht zu viele. Einsames Gehen. Das braucht nicht viel Untermalung.

Ich grüble nach: heute ein Tiefschlag. Gleich zwei Bekannte (einer davon ein Kollege, seit kurzem getrennt lebend, nicht uninteressant, aber noch in der Schonphase, wie ich bis heute fälschlicherweise dachte) haben mir eröffnet, dass sie wieder verliebt / in Annahme einer Verliebtheit sind. Also wieder zwei weniger. Schicksalsgenossen, die man gut zum Kaffee treffen konnte. Ähnliche Interessen. Ähnlich viel Zeit. Ein schales Gefühl des Übriggebliebenseins schleicht sich durch meinen Film.

Wie ein Weihnachtskeks, das man zu Ostern findet.

Warum sie? Warum nicht ich? Oder ist das vielleicht heuer das Jahr der Beziehungsneuanfänge? Vielleicht auch und sogar für mich? Der eine hat fast sieben Jahre darauf gewartet. Der andere ist eigentlich noch feucht von der letzten Trennung. Ich? Ich bin irgendwo dazwischen. Lange genug alleine, dass es mir auf den Wecker geht.

Dass kann´s ja wirklich nicht sein auf Dauer.

Alleine schlafen legen, alleine aufstehen. Jeden Tag. Frühstück – allein. Hinter der Zeitung – niemand. Urlaub – allein, mit Reisegruppe, im Singleressort… igitt! Natürlich hat es Vorteile. Ich habe mich gut erholt. Von meiner letzten Beziehung. Ich habe wieder Kraft getankt, meine Freiheit ausprobiert, neue Gewohnheiten entwickelt, mir das Leben nach meinen Bedürfnissen zurechtgelegt.

Meine Socken liegen nur da, wo ich sie haben will!

Doch: gelegentlich fehlen mir fremde Socken. Von mir aus irgendwo im Wohnzimmer verstreut. Von mir aus stinkend.

Das riecht nach Leben. Das gibt Gesprächsstoff!

Nein, meine Wohnung sieht abends, wenn ich heimkomme, exakt gleich aus wie morgens, wenn ich sie verlasse.

Es gibt Dinge, auf die kann man sich verlassen.

Keine mittleren Katastrophen, kaum dass man die Haustür aufgeschlossen hat. Kein Brandgeruch, kein Geschrei, keine versaute Küche, kein lautstark dudelnder Fernseher, kein übelriechendes Klo, nein, alles genauso wie man es zurückgelassen hat. Kaum Hausarbeit. Wenn man kaum zuhause ist. Sehr praktisch. Und langweilig. Nahezu trist. Berechenbar! Ich rede mit der Pflanze. Dem Radio. Dem Handy. Manchmal sogar mit meinen Emails. Es wird Zeit, denke ich. Zeit für Beziehungen. Zeit für Neues, Unvorhersehbares, Aufregendes, Prickelndes, Zwischenmenschliches. Zärtliches… auf jeden Fall. Ich sehe mich gehen. Allein durch die Nacht, durch die Strassen… bis irgendwann ein Mensch auftaucht. Der auch alleine geht. Und so findet man sich dann.