Essay, Kolumne

Lobby für die Leisen

Mir ist die Welt sehr oft zu laut. Zu lärmig. Und: zu sehr in der Hand der Lauten.

Wer am lautesten schreit, gewinnt. Kann sich durchsetzen. Die Lautstarken geben oft den Ton an. Werden gehört. Wahrgenommen. In Politik, Wirtschaft, Medien, Stadtplanung. Im Kleinen wie im Großen. Die Lauten bestimmen. Können nicht überstimmt werden.

Was aber mit den Leisen? Den vielen Menschen, die sich nicht schreiend durchs Leben bewegen. Die nicht lautstark auf sich aufmerksam machen (können). Die lieber zuhören. Nachdenken. Reflektieren. Und sich ihre Meinung bilden. Nur hört sie keiner. Weil sie leise sprechen.

Viele der Leisen leben zurückgezogen, suchen die Stille, die Natur. Sind selten auf Jahrmärkten, Demos und Rummelplätzen zu finden. Es sind meist die Introvertierten. Die Hochsensiblen. Ruhigen. Oft neurodivergente Menschen. Aber auch ohne Zuschreibung, Schubladisierung oder Diagnose: es gibt einfach Menschen, die mit dem Lärm und Trubel, der Marktschreierei dieser Welt nichts anfangen. Die sich manchmal sogar verstört zurückziehen. Nicht jede/r steht gerne im Mittelpunkt, auf der Bühne, im Zentrum des Geschehens. Nicht jede/r mag gerne das Laute rundum ertragen.

Und auch wer krank, beeinträchtigt ist, müde, erschöpft, ausgelaugt, braucht die Stille. Das Leise. Die Ruhe.

Ich lese und höre oft von Menschen, die sich sehr schwertun mit dem Tempo, der Hektik und eben der Lautstärke, die vielerorts herrschen. Ein Zuviel von allem.

Es gibt genug Menschen, die keine riesigen Partys, Versammlungen, vollgestopften Konzertsäle, überfüllten Strände, alkoholgeschwängerte Zeltfestatmosphäre mögen.

Die Welt ist groß genug für alle. Für die Lauten und die Leisen. Nur werden die Leisen so oft übertönt, überhört, übersehen, nicht wahrgenommen. Ihre Meinung, ihre Wünsche und Bedürfnisse. Die sie nicht lautstark in die Welt posaunen. Die nicht durch alle Medien gehen.

Der Haken: die Leisen stören mit ihrem Leise-sein nicht ihr Umfeld. Wenn Laute aber laut werden, dann kriegen das – ob erwünscht oder nicht – alle mit. Die Lauten übertönen alle anderen. Der Lautstärke der Lauten kann man sich kaum entziehen (s. Silvesterraketen, ausufernde Fußballfeiern, auffrisierte Motorräder oder weithin dröhnende open air-Konzerte).

Manche Geschäfte und Lokale haben Musik und Tonwerbung bis zum Anschlag aufgedreht. Für mich immer ein Grund sofort wieder kehrt zu machen. Sofern es irgendwie geht. Aber der Lautstärke der anderen entkommt man eben nicht so einfach.

 

Unsere Welt ist laut, wird meines Erachtens immer lauter, zu laut.

Wir brauchen aber so sehr auch das Leise. Wir brauchen eine Lobby für die Leisen.

Möge/n sie gehört werden.