Essay, Kolumne

Wann ist eine Arbeit etwas wert?

Nachdenken über Care Arbeit und mental load. Die unsichtbaren Arbeiten. Die ebenso überhandnehmen und in die Erschöpfung treiben können. Das unsichtbare Denken und Planen und Organisieren und Anpacken im Hintergrund. Das keiner sieht – mindestens genauso viel Anstrengung und Arbeit wie das offizielle und (mehr oder weniger gut) bezahlte und sichtbare „Leistung erbringen“. Wie viel Zeit meines Lebens habe ich in diese unbezahlte Arbeit gesteckt? Planen und checken. Organisieren. Helfen. Sich Kümmern.

Ja, es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich schlicht einen Auftrag erhalte und ausführe („bitte Brot und Tomaten einkaufen“). Oder ob ich den gesamten Auftrag erst planen, in eine Gesamtkonzept einfügen muss. Zeitlich, logistisch, organisatorisch, kräftemäßig. Beispiel: Kochen ist nicht das gleiche wie nachdenken darüber, was es wann zum Essen geben soll. Was man dazu braucht. Jeden Tag. Was eingekauft, vorbereitet werden muss. Für wie viele Personen. Das Wegräumen, Saubermachen danach. Kochen ist so viel mehr als nur in Töpfen rühren und Zutaten zusammenmixen. Mehr als ein gedeckter Tisch.

Ein ganzer Haushalt, ein ganzes Leben sind mehr als nur die sichtbaren Handgriffe. Ergebnisse. Ungesehen: Die Anstrengung, die Arbeit, die im Hintergrund geleistet wird.

Wie im Tanz. Was man sieht ist diese unglaubliche Leichtigkeit, das Schweben, der Auftritt. Jetzt. Glanz und Glamour. Was man nicht sieht, ist die unfassbare Arbeit, die Mühen, die Schwielen, der Schweiß, die dahinter liegen. Die täglichen Proben, Übungen, das ganze Arbeitspensum. Das Einstudieren der Abläufe, der Choreographie. Im (familiären) Alltag ist diese gewaltige Arbeit hinter den Kulissen meist unsichtbar. Unbezahlt. Ungewürdigt.

Deshalb ärgere ich mich oft über Aussagen zum Thema „wir müssen mehr Leistung erbringen“. Nein, wir müssen vielmehr lernen, diese enorme Arbeit hinter den Kulissen wahrzunehmen. Zu würdigen, zu schätzen, anzuerkennen. Zu bezahlen. Angemessen zu bezahlen. Viele Menschen erbringen unglaubliche Leistungen.

In der Pflege, der Alten-, Kranken- und Kinderbetreuung. In der Landwirtschaft, beim Müll einsammeln, in der Reinigung. Viele Arbeiten, die kaum gesehen, kaum geschätzt werden. Wenn überhaupt, nur mickrigst bezahlt. Arbeiten, die keiner sieht, keiner wahrnimmt. Die (uns) offenbar nichts wert sind!?!

Jede Putzfrau (heute „Reinigungsdame“), jede Alleinerzieherin leistet meines Erachtens mehr als irgendein ein hochgehandelter Star-Ballkicker oder Immobilienmakler, der Millionen kassiert (für – ich klaue das Zitat: „was war meine Leistung???“). Wahrgenommen werden meist die, die für was-auch-immer reichlich Geld erhalten. Die damit im Rampenlicht stehen.

Das ist das eigentliche Ärgernis.

Die dahinter, diejenigen, die nötige, aber ungeliebte Drecksarbeit erledigen, die Schwerarbeit, die sieht man nicht. Die bezahlt man nicht. Oder kaum.

Ich habe mich irgendwann gefragt, warum ich eigentlich so wenig „verdient“ habe. Nicht, weil ich nichts getan hätte in meinem Leben. Sondern weil viele dieser Arbeiten unsichtbar und unbezahlt waren. Ich habe in meinem Tun nie groß unterschieden zwischen Tätigkeiten, die Geld einbringen (oder Ruhm und Anerkennung) und jenen, die das nicht tun (mir aber wichtig bzw. notwendig waren). Kennt man vermutlich, wenn man selbständig ist.

Als Autorin heute, was zählt da? Die Zeit des Nachdenkens über ein Thema, mögliche Recherchen, die ersten Notizen, das Niederschreiben, das vielfache überarbeiten. Wenn der Text dann fertig ist, dasteht – unbezahlt. Zu lesen, zu diskutieren. Ich habe meine Zeit, meine Gedanken, mein Herzblut investiert. Ob das nun eine Leistung ist oder nicht.

Als Journalistin habe ich mehr oder (meist) weniger tolle Honorare erhalten. Als Lyrikerin – ähm! Kunst und Literatur werden (bis auf jene von Preisträger- und Bestsellerstars) noch selten als Leistung gesehen. Ähnlich der Care-Arbeit. Von mental load ganz zu schweigen.

Das Sehen und Schätzen unserer Leistungen ist sehr ungleich verteilt.

 

Wir haben da noch viel Arbeit vor uns.