Die CD-Verleiher
Es gibt Menschen, deren liebstes Hobby ist es CDs zu verleihen. Wie großzügig und aufmerksam, möchte man meinen. Nichts da, es gibt nichts Schlimmeres als diese semi-professionellen CD-Verleiher.
Dass der CD-Verleiher dem anderen eine Freude machen möchte ist nämlich blanker Unsinn – sich selber möchte er eine Freude bereiten. Das ausgewählte Stück hat nämlich selten bis gar nie etwas mit dem Musikgeschmack des Zwangsbeborgten zu tun, sondern mehr mit dem des Borgers. Dieser möchte dem anderen in erster Linie etwas über sich mitteilen (und zwar auf eine Art und Weise, der man sich fast nicht entziehen kann): „Hör mal, was für tolle Musik ich habe!“ oder „Hör mal, wie kreativ und talentiert ich bin!“ oder „Hör mal, wie kunstinteressiert, gefühlvoll oder extraordinary ich bin!“ usw. usf. Natürlich gibt es auch manchmal Borger, die dem oder der Beborgten mittels CD etwas ganz Bestimmtes mitteilen möchten (vielleicht kommt in einem der Texte ein „I love you“ vor oder ein „would you marry me“ – es könnte aber genauso gut eine andere Textzeile sein, die als zentrale Botschaft gedacht ist – nicht so einfach für den/die Beborgte/n, da zielsicher das Richtige rauszuhören).
Das Beste am Verleihen ist für den Verleiher auf jeden Fall das Zurückkriegen mit der entsprechenden Rückmeldung, die meist ordentlich dem Ego schmeicheln soll, zumindest wäre das die unausgesprochene Erwartung gewesen (mal ganz abgesehen davon, dass der Zwangsbeliehene durch die Zwangsbeleihung in ewiger Schuld des großzügigen Verleihers steht).
Und die sind da in keinster Weise zimperlich – verliehen wird alles, wo CD draufsteht oder drin ist. Ob E-, U- oder sonstige Musik, rituelle Urschreizeremonien oder Walfischgesänge zur Paarungszeit, nichts ist sicher vor gekonnten CD-Verleihern. Manchmal bekommt man/frau auch selbstgebastelte CDs – „ich hab ein bisschen am Saxophon improvisiert“ oder „ich borg Dir mal meine neueste Lieder Collection, hab ich im letzten Urlaub selber getextet und komponiert“ oder „ich hab den Keith Jarrett nachgespielt, weißt eh, das Köln-Konzert, war gar nicht so schwierig, hör doch mal rein!“ – tja, und da steht man dann, als armer Tor, zurückweisen kann man das großzügige Angebot ja kaum („ich mag Deine CDs aber nicht anhören“ – wie grausam!), okay, man nimmt also an und ringt sich vor lauter Höflichkeit auch noch ein Lächeln ab: „Mein Gott, das wollte ich ja schon immer mal anhören!“ Und schon hängt man drin in der Falle.
Das heißt, nun muss man sich tatsächlich Zeit nehmen, das gute Stück auch wirklich bewusst und ausgiebig zu „genießen“, denn der großzügige Verleiher möchte als Dankeschön ja schließlich einen kompetenten Kommentar zum geborgten Exemplar. Natürlich fragt er nach ein, zwei Tagen so beiläufig gleich einmal nach: „Und hast Du schon reingehört?“ mit erwartungsvollem Blick und sofort bereit zu einer kleinen Fachsimpelei… Da kann man sich nur schleunigst rausreden: “… noch keine Zeit gehabt, leider“ oder „die Kinder haben die CD gleich geschnappt und hören wie besessen, ich muss sie ihnen erst wieder abluchsen…“ Ja, und dann bleibt einem irgendwann wirklich nichts anderes übrig als sich auch mal die Zeit zu nehmen und das gute Stück tatsächlich anzuhören. Wenn man Glück hat ist die Quälerei nicht allzu schlimm, außerdem kann man sich inzwischen dank der Weiter-Taste den Rest der gesamten Nummer sparen, reicht schließlich, wenn man überall kurz reinhört. Dann sollte man sich noch einen guten Kommentar überlegen, von wegen „wirklich ausgezeichnet Deine Improvisationen, da könnte sich jeder Profi-Jazzer was abschneiden“ oder „unglaublich wie melodiös die Walfische sich doch paaren, da könnten unsere Nachbarn noch was lernen“… Mit diesen Worten kann man dem großzügigen Spender sodann die geliehenen CDs wieder in die Hand drücken und erleichtert aufatmen. Aber da hat man die Rechnung wahrscheinlich ohne den Wirt gemacht – denn ob der gekonnten Lobeshymne steht der wackere CD-Verleiher am nächsten Tag schon mit dem nächsten CD-Paket vor der Tür: „Da musst Du unbedingt auch mal reinhören, nennt sich „Ein Tag beim Fliegenfischen“ oder „DJ Ötzi meets Luciano Pavarotti“, er ist so glücklich, endlich einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, dass ihn nun nichts mehr hält. Da hilft jetzt nur noch eines: Mit leidensvollem Blick zu erklären, dass der CD-Player gerade eben kaputtgegangen sei, und die Reparatur, so sie sich überhaupt auszahle, doch einige Wochen in Anspruch nehmen würde – und wenn sie viel, viel Glück haben, lässt ihr CD-Verleiher dann zumindest kurzfristig von ihnen ab, bis dahin können sie sich andere Entkommvarianten überlegen, kann aber auch sein, dass ihr CD-Verleiher zufälligerweise auch gerade einen zweiten CD-Player bei der Hand hat, den er gerade nicht braucht, dann, ja dann wird ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben als sich ihrem Schicksal ein für alle mal zu fügen und sich gleich mal ein Stündchen täglich für die allerneueste CD ihres spendablen CD-Verleihers zu reservieren.