Literaturarbeit
Zum Buch:
Gerhard Stumm & Beatrix Wirth (Hg): Psychotherapie – Schulen und Methoden.
Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis. Falter Verlag, 1991.
Einleitung
Mit dem 1991 in Kraft getretenen Psychotherapiegesetz wurde erstmals in Österreich die Ausbildung zum/r Psychotherapeuten/in sowie die Ausübung der Psychotherapie und damit der Berufsstand als solcher gesetzlich geregelt. Seither kann die Inanspruchnahme psychotherapeutischer Behandlung zumindest teilweise über die Krankenversicherung abgerechnet werden und ist dadurch auch für finanziell schwächere Bevölkerungsgruppen zugänglich gemacht worden.
Das 1991 von Gerhard Stumm & Beatrix Wirth herausgegebene Buch „Psychotherapie – Schulen und Methoden“ gibt einen groben Überblick über die bis dato in der westlichen Welt gängigen psychotherapeutischen Ansätze und Richtungen, die auch und vor allem in Österreich praktiziert werden. Wobei sich Schulen wie Methoden in relativ kurzer Zeit entwickeln bzw. erweitern und sich seither sicher einiges verändert hat. Weit mehr als die 18 derzeit in Österreich anerkannten Psychotherapiemethoden werden vorgestellt und beschrieben. Darüber hinaus werden angrenzende und pädagogische Verfahren miteinbezogen, die zwar den psychotherapeutischen ähnlich sind, jedoch nicht alle Kriterien für eine eigenständige Methode erfüllen.
Als Kriterien für die Zuordnung zu psychotherapeutischen Verfahren zählen für die Herausgeber der theoretische Hintergrund – wieweit die Methode also eine Persönlichkeitstheorie, eine Krankheitslehre, eine eigenen Terminologie und eine theoretische Begründung des praktischen Vorgehens aufweisen kann – die nachvollziehbare und wiederholbare Anwendbarkeit bei psychischen Erkrankungen und die Bedeutung und Reflexion der Therapeut-Klient-Beziehung.
Die vorgestellten psychotherapeutischen Verfahren werden zu 11 verschiedenen Gruppen/Kapiteln zusammengefaßt: Die Zuordnung erfolgt einerseits nach den traditionellen Hauptgruppen: analytisch, lerntheoretisch, humanistisch und systemisch. Darüber hinaus wird nach philosophischen Wurzeln und Arbeits- und Wirkungsweise unterschieden (Teil I, Kapitel 1-7). Weiters werden einzelne Verfahren in Hinblick auf ihre Zielgruppe behandelt (I, Kapitel 8) und letztendlich werden „Ansatzpunkte“ psychotherapeutischen Handelns als zusätzliches Kriterium herangezogen (I, Kapitel 9-11). Angrenzende und Pädagogische Verfahren werden in Teil II, unterteilt nach gruppenpädagogischen Konzepten und körperorientierten Methoden, kurz vorgestellt.
Buchzusammenfassung
I. Psychotherapeutische Verfahren
Tiefenpsychologische Ansätze
Die Psychoanalyse gilt nicht nur als ursprüngliches tiefenpsychologisches Verfahren, sondern auch als Beginn der Psychotherapie. Ausgehend von der Freudschen Psychoanalyse haben sich in Folge verschiedene tiefenpsychologische Ansätze und Schulen entwickelt, deren gemeinsamer Nenner die Annahme des Unbewussten ist. Alle gemeinsam gehen sie von unbewussten Konflikten aus, die eine psychische Dynamik bedingen und pathogen wirken können. Als Methoden sind sie daher psychodynamisch, konfliktorientiert und aufdeckend. Mittels Erfahrung, Einsicht und Reflexion sollen Konflikte bewusst gemacht und verarbeitet werden.
Tiefenpsychologische Grundannahmen finden sich darüber hinaus in vielen anderen Ansätzen und Verfahren wieder (zB Gestalttherapie, Konzentrative Bewegungstherapie, Transaktionsanalyse).
Psychoanalyse
Die Psychoanalyse ist untrennbar mit dem Namen Sigmund Freud (1856-1939) verbunden. Freud arbeitete als junger Arzt in Paris und Nancy und kam dort mit dem Krankheitsbild der Hysterie in Berührung als auch mit der Hypnose, die der Neurologe Josef Breuer als sogenannte „psychokathartische Methode“ einsetzte (dissoziierte Gedanken und Gefühle sollten auf diese Weise im freien Sich-Aussprechen wieder vereint werden). Freud wandte sich im Laufe seiner Arbeit von der Hypnose ab, dem „freien Assoziieren“ zu., das wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit wurde. 1896 spricht Freud erstmals von der „Psychoanalyse“ und beginnt eine ausführliche Selbstanalyse. Freud nahm an, dass frühe Konflikte (wobei es sich dabei meist um schmerzliche, peinliche, gesellschaftlich unerlaubte, tabuisierte, sexuelle oder aggressive Inhalte handelt) aus dem Bewusstsein verdrängt werden und der Mensch einer Wiedererinnerung Widerstand entgegensetzt, da diese unangenehm ist. Dadurch können sich allerdings neurotische Krankheitsbildern wie die Hysterie entwickeln. Neben dem Verdrängen benannte Freud noch einige andere Abwehrmechanismen (Projektion, Verleugnung, Rationalisierung etc.), die das Bewusstsein von ängstigenden Konflikten freihalten sollen. Durch das freie Assoziieren und durch die Deutung von Träumen als „via regia“ zum Unbewussten können die verdrängten Konflikte wieder ins Bewusstsein geholt und aufgearbeitet werden. Voraussetzung für diese Arbeit war die Annahme dreier Bewusstseinebenen: Das Bewusste, das Vorbewusste und das Unbewusste.
Weitere Entdeckungen bzw. Elemente der Psychoanalyse Freuds waren die ätiologische Rolle der Sexualität bei der Entstehung von Neurosen, die infantile Sexualität und ihre Phasenentwicklung (orale, anale und genitale Phase), der Ödipuskomplex, die Annahme eines dualistischen Triebmodells (Sexual- und Todestrieb), und schließlich das psychische Modell vom Es-Ich-Überich. Ziel jeder Psychoanalyse ist es, das Ich zu stärken, damit es zwischen den Triebwünschen des es und den Geboten des Überich vernünftig und realitätsnah vermitteln kann.
Weiters spielen Übertragung und Gegenübertragung eine wichtige Rolle in der Psychoanalyse. Voraussetzung dafür ist wiederum die Abstinenz des Analytikers, der seine Person zurückhält und dadurch dem Analysanden ermöglicht, seine Vorstellungen/Erfahrungen auf den Analytiker zu projizieren, was in Folge neues Deutungsmaterial ergibt.
Selbstpsychologie
Die Selbstpsychologie ist eine Weiterentwicklung der klassischen Psychoanalyse von Heinz Kohut. Ausgehend von seinem Konzept des Narzissmus betrachtet Kohut das Selbst als zentralen Begriff seiner Arbeit als ein sich im Kontext von „lebensnotwendigen und lebenserhaltenden Beziehungen“ entwickelndes Gefühl des Menschen von sich selbst. Zu narzisstischen Persönlichkeitsstörungen kommt es, wenn die frühkindliche Beziehung zur Mutter gestört war – diese Störungen werden ins Erwachsenenalter mitgenommen und prägen den Umgang mit anderen bzw. lassen sie sich in der narzisstischen Übertragung im Laufe der Analyse erkennen und behandeln. Im Vergleich zur Psychoanalyse ist der Analytiker hier nicht Beobachter von außen, sondern wird durch Übertragung zum Teil der Analyse. Eine weitere Annahme Kohuts lautet, dass es keine Veränderung vom Narzissmus zur Objektliebe gibt, sondern dass der Mensch sich lediglich von archaischen hin zu reiferen Selbstobjektbeziehungen entwickelt.
Analytische Gruppenpsychotherapie
Den verschiedenen Konzepten innerhalb der Gruppentherapie ist die Annahme gemeinsam, dass psychisches Leiden in der Gruppe (also im Beziehungskontext) entstanden, also auch in und durch die Gruppe erkennbar und behandelbar ist. Im Unterschied zur Einzeltherapie wird hier nicht nur mit phantasierten und übertragenen Beziehungsmustern gearbeitet, sondern auch mit Interaktionen der Mitglieder untereinander. Die Möglichkeiten für Übertragungen sind ebenso zahlreich.
Der Therapeut beobachtet und kommentiert das Geschehen in der Gruppe, d. h. der Einfluß des Beobachters wird hier zum wesentlichen Bestandteil und Instrument therapeutischen Handelns.
Drei methodische Ansätze lassen sich innerhalb der Gruppentherapie unterscheiden:
- Die Gruppe als Hintergrund, als Stimulus zur Einzelanalyse, das Individuum steht im Zentrum der Betrachtung (Slavson, 1950, Wolf & Schwartz, 1962)
- Nach dem Ansatz von Wilfried Bion (1971) steht die „Gesamtperson Gruppe“, die Gruppenprozesse als solche im Zentrum der Aufmerksamkeit.
- Foulkes (1974) und Ezriel (1957) versuchen in einer Synthese sowohl Individuum als auch Gruppengeschehen und die wechselseitigen Abhängigkeiten zu beobachten und interpretieren. Es wird mit Gruppenassoziationen gearbeitet und die Gruppe selbst interpretiert ebenso die eigenen Prozesse.
Den verschiedenen Konzepten der analytischen Gruppenpsychotherapie gemeinsam ist das Ziel therapeutischen Handelns (Barrucand 1970):
+ Verringern von Abhängigkeit, Erlangen von Autonomie
+ Arbeitsfähigkeit und Fähigkeit, Freizeit zu genießen
+ Integration von Aggression
+ Bewusstmachung frühkindlicher Erfahrungen, verbesserte Kommunikation zwischen
Vergangenheit und Gegenwart
+ Fähigkeit, Spannungen und Frustration zu ertragen
+ Genitale sexuelle Befriedigung
Psychoanalytische Sozialtherapie
1973 wurde in Wien von der ÖAPS (Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Sozialtherapie) die Sozialtherapie als eigenständiges Therapiekonzept entwickelt. Ausgehend von der Psychoanalyse werden soziale Prozesse in der Gesellschaft als analog den intrapsychischen Vorgängen aufgefasst. Die Sozialtherapie arbeitet im sozialen Feld mit Gruppen, Institutionen, aber auch mit Einzelklienten, wobei hier Therapieraum und -Zeit weniger streng vorgegeben als vielmehr im Bedarfsfall erkannt und genutzt werden sollen.
Psychodramatische Gruppenanalyse
Obwohl ursprünglich die Gegensätze groß schienen, hat sich aus den zwei Therapieformen Psychoanalyse und Psychodrama einen eigenständige Methode entwickelt, die Ansätze beider vereint, die Psychodramatische Gruppenanalyse. In der Arbeit entwickelt eine Gruppe im Sinne des Psychodramas nach einem selbst gewählten Thema eine Art Stehgreifspiel, das sich letztendes um Phantasmen, also Phantasien, unbewusste Wünsche dreht. Der Therapeut/Leiter wird Mitspieler, soll aber auch intervenieren und deuten.
Individualpsychologie
Der Wiener Arzt Alfred Adler (1870-1937) gilt als Begründer der Individualpsychologie. Er arbeitete ursprünglich eng mit Sigmund Freud im Sinne der Psychoanalyse zusammen, als es schließlich zum Bruch zwischen den beiden kam, weil Adler seine eigenen, zum Teil widersprüchlichen Theorien entwickelte. Bereits zu Beginn des vorigen Jh. sprach Adler von seiner Theorie über biologische Mängel („Minderwertigkeit von Organen“) und deren Kompensation. Das Minderwertigkeitsgefühl (Adler hat diesen Begriff eingeführt) wurde später auf alle so erlebten Mängel und Unzulänglichkeiten ausgedehnt und setzt nach Adler Anpassungsleistungen des Menschen in Gang, die entweder glücken können oder auch nicht (Neurotische Kompensation). Im letzteren Fall wird versucht durch Streben nach Überlegenheit und Macht von den (vermeintlichen) Mängeln abzulenken. Das Gemeinschaftsgefühl bedeutet für Adler als Gegenpol dazu ein Kriterium für psychische Gesundheit.
Vorrangiges Ziel einer Therapie ist nach Adler die Aufdeckung einer tendenziösen, verfälschten Wahrnehmung und eines neurotischen Lebensplanes, wobei hier dem Erleben und der Aktivität des Klienten eine entscheidende Bedeutung beigemessen wird. Auch bleibt der Therapeut nach Adler nicht dezent abstinent, sondern soll aktiv, erklärend und zur Aktivität auffordern sein.
Analytische Psychologie C.G. Jungs
Auch für C. G. Jung (1875-1961) stellt die Freudsche Psychoanalyse die Basis seiner später entwickelten Analytischen Psychologie dar. Jung hat sich in seiner Arbeit stets an seinem eigenen Erleben orientiert, er hat sich über Jahre hinweg intensiv mit seinem Unbewussten auseinandergesetzt in Form von künstlerischer Tätigkeit, aktiver Imagination und Traumarbeit. Abseits des persönlichen, individuellen Unbewussten entdeckt Jung das sogenannte kollektive Unbewusste, eine tiefere, allgemeinere Schicht von Reaktions- und Erlebnismöglichkeiten, die allen Menschen gemeinsam ist, eine Art Orientierungshilfe, die Jung nach Archetypen unterscheidet. Vernunft und rationales Verstehen ist nach Jung zu wenig, das eigene Erleben, der Dialog zwischen Bewußtsein und dem Unbewussten muß ermöglicht werden. Abgespaltene, verdrängte, unliebsame Prsönlichkeits- und Erlebnisanteile, die als „Schatten“ im Unbewußten ihr Dasein fristen, müssen erkannt und akzeptiert werden. Der Individuationsprozeß, die psychische Entwicklung eines Menschen entspricht einer Art Reifeplan, der auf Selbstverwirklichung, Individuation ausgerichtet ist und auch ohne Analyse spontan abläuft. Ziel ist letztendes die Vereinigung, die Akzeptanz von Gegensätzen im Individuum: Bewusst-Unbewußt, Animus-Anima (der gegengeschlechtliche Bereich), Extraversion-Introversion (Orientierung am äußeren/inneren Leben).
Die Analytische Psychologie, in der auch mit kreativen Medien gearbeitet wird, liefert viele Basiselemente für die humanistischen und kreativen Ansätze in der Psychotherapie.
Katathymes Bilderleben
Das Katathyme Bilderleben wurde in den 50er Jahren vom Psychiater und Psychoanalytiker Hanscarl Leuner entwickelt. Es ist eine Tagtraum-Methode, mittels der ein Patient Zugang zu seinem Unbewussten finden soll. Dieses Imaginieren (Denken in Bildern) im entspannten Zustand wird vom Therapeuten mit Hilfe vorgegebener Motive angeleitet und eignet sich besonders für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie als Kurztherapie bei depressiven Neurosen, Phobien und psychosomatischen Störungen.
Lerntheoretische Verfahren
Ausgangsbasis für die Verhaltenstherapie waren traditionelle wie neuere, kognitiv orientierte lerntheoretische Ansätze. Zu den traditionellen Lerntheorien zählt die Klassische Konditionierung (auch Reflexlernen) nach Pawlow, der in Tierexperimenten unbedingte Reize (Stimuli) mit neutralen koppelte und dadurch einen Lernprozeß in dem Sinn auslöste, dass bei wiederholter Koppelung schließlich auch der neutrale Reiz eine Reaktion auslöste. Skinner und Watson haben sich in Folge mit dieser Lerntheorie weiter beschäftigt und sie auf den Humanbereich übertragen.
Die operante oder instrumentelle Konditionierung (Lernen am Erfolg) wurde von Miller & Konorski 1928 erstmals beschrieben: Hier wird eine spontane Verhaltensweise entweder belohnt (positiv verstärkt) oder bestraft und dadurch ein Lernprozeß ausgelöst (weitere Varianten: negative Verstärkung, wenn ein negative Konsequenz entfernt wird und Extinktion, wenn positive Konsequenzen entzogen werden). Wie rasch und effizient dabei gelernt wird, hängt von den Verstärkerplänen ab (kontinuierlich nach Intervallen oder Quoten oder unregelmäßig). Im Sinne dieses S-R-C-Modells (Stimulus-Reaktion-Konsequenz) postulierte Skinner die behavioristische Grundannahme, dass alles Verhalten erlernt sei. Wesentlich für diesen Ansatz waren die streng naturwissenschaftlich-experimentell ausgerichtete Sichtweise und die Annahme, dass Lernen nur durch externe Kontrolle geschieht. In weiterer Folge haben neuere kognitive Modelle die Verhaltenstherapie ergänzt, der Mensch verfüge auch über selbststeuernde, selbstreflexive Fähigkeiten und sei demzufolge nicht externen Kontrollvorgängen passiv ausgeliefert. Zu diesen neueren Lernmodellen zählen das Lernen am Modell oder Imitationslernen von Bandura, das Lernen durch Selbstkontrolle von Kanfer, der Ansatz der Selbstinstruktion nach Meichenbaum oder das Konzept der gelernten Hilflosigkeit nach Seligman.
Die Verhaltenstherapie bietet eine Fülle exakt nachvollziehbarer Methoden, die in einem genau ausgearbeiteten Setting und Therapieplan zum Einsatz kommen. Dazu zählen u.a. Verstärkerverfahren und Aversionstherapie, negative Übung oder paradoxe Intention, Überflutungstechniken (flooding), Entspannungsverfahren (v.a. die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und das Autogene Training nach Schultz), systematische Desensibilisierung, Biofeedback, Modell-Lernen, Verhaltensübungen, Problemlösungstraing, Kognitive Umstrukturierung sowie der Erwerb von Bewältigungsfertigkeiten (Coping-Strategien).
Das therapeutische Vorgehen zeichnet sich aus durch eine systematische Bestandsaufnahme des Problembereiches und eine entsprechende Verhaltensanalyse. Daraus ergeben sich die klinische Diagnose und Therapieplan und –ziele. Wesentlich ist auch die systematische Evaluation des Therapieverlaufs.
Humanistische Ansätze
Die humanistische Psychologie vereinigt als dritte Kraft neben Psychoanalyse und Behaviorismus eine Reihe eigenständiger Schulen, deren gemeinsamer Nenner das grundlegende Menschenbild (Stichworte: Einzigartigkeit, Freiheit, Ganzheit, Beziehungsfähigkeit, Selbstverwirklichung, Selbstverantwortung etc.), die Rolle des Therapeuten und die Betonung des emotionalen Erlebens im Hier und Jetzt sind.
Personenzentrierte Psychotherapie
Die personenzentrierte Psychotherapie (auch: klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie) wurde von Carl Rogers (1902-1987) in den USA begründet und ab ca. 1960 von Reinhard und Annemarie Tausch im deutschen Sprachraum bekanntgemacht. Grundelemente dieser Therapieform sind die Nicht-Direktivität des Therapeuten (er vermeidet lenkende, interpretierende, aktivierende Aussagen) bzw. eine Haltung, die durch Empathie (nicht-wertendes, einfühlendes Verstehen), Wertschätzung (bedingungslos, emotionale Wärme, Respekt für die Individualität des anderen) und Kongruenz (Echtheit, seinem persönlichen Empfinden entsprechend, ehrlich) gekennzeichnet ist. Der Mensch wird als Individuum gesehen, das sein „Selbst“ aus der Interaktion und Auseinandersetzung mit der Umwelt gestaltet und die Fähigkeit zu Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung, zu Selbstverantwortlichkeit und Selbstregulierung besitzt.
Es wird mit Einzelklienten, Paaren, aber auch mit Gruppen gearbeitet, wobei hier zwischen Therapiegruppen, Selbsterfahrungsgruppen und Encountergruppen (Begegnungsgruppen mit dem Ziel der persönlichen Weiterentwicklung) unterschieden wird.
Im Therapieprozeß stehen die Selbstöffnung und Selbstauseinandersetzung des/r Klienten im Mittelpunkt. Die Klienten bestimmen die Inhalte und Themen. Ziel ist es letztendes, dass Klienten mehr Vertrauen zu sich selbst entwickeln (Selbstachtung), dass sie eine innere Bewertungsinstanz aufbauen, die es ihnen ermöglicht, sich auf eigene Urteile und Entscheidungen zu verlassen und dass sie eine zunehmende Bereitschaft zu Veränderung, zur Weiterentwicklung gewinnen.
Gestalttherapie und Integrative Gestalttherapie
Als Begründer der Integrativen Gestalttherapie gelten die Psychoanalytiker Lore und Fritz Perls, die sich wie schon Adler und Jung im Laufe der Zeit von der Psychoanalyse Freuds distanzierten, sowie der Sozialkritiker Paul Goodman. 1952 wurde in New York das erste Institut gegründet, dessen Arbeit auf Grundelementen basierte wie zB der Ablehnung der Einzel- und Fokussierung der Gruppenarbeit, dem Erleben im Hier und Jetzt, dem Aktivieren der selbstregulierenden Kräfte eines Individuums, dem verstärkte Miteinbeziehen des leiblichen Erlebens sowie dem Erleben und Erproben im Handeln. Verschiedene Stile betonen entweder mehr die Einzelarbeit innerhalb der Gruppe („Heißer Stuhl“) mit absoluter Authentizität und Offenheit des Therapeuten, oder die stärker analytisch orientierte Vorgehensweise, die Individuum und Gruppe miteinbezieht, vom Therapeuten partielle Teilnahme und Offenheit fordert und besser im klinischen Bereich anwendbar ist.
Zu den Grundlage zählen Konzepte aus der Gestaltpsychologie (Wahrnehmung von Gestalt), die Arbeit am Seienden, Offensichtlichen, die Annahme einer organismischen Selbstregulation und das Konzept der „awareness“, als ein Zustand aufmerksamer Wachheit, das von fernöstlichen Konzepten (Buddhismus, Meditation) beeinflusst ist.
Zum therapeutischen Prozeß hat Perls ein fünfschichtiges Modell („Zwiebelschälen“) entwickelt mit den Stadien der Klischeephase, der Rollenspielphase, der Blockierungs- Implosions- und Explosionsphase. Hilarion Petzold, der neben Ruth Cohn u.a. Anfang der 70er Jahre des 20. Jh. die Gestalttherapie nach Europa brachte, beschreibt den therapeutischen Prozeß mit Initial- Aktions-, Integrationsphase und Neurorientierung, bei dem Probleme und Konflikte aufgezeigt, offene Gestalten registriert werden, traumatische Erlebnisse nochmals durchgelebt und schließlich besprochen und in den Lebenskontext eingebunden bzw. neue Verhaltensweisen geübt werden können. Die Rolle des Therapeuten zeichnet sich dabei durch lebendige Teilnahme, Authentizität, Einfühlung, Klarheit und Engagement aus.
Psychodrama
Spielende Kinder hatten Jacob Levi Moreno (1889-1974) zur Entwicklung seiner Therapieform inspiriert, die für ihn immer auch ein künstlerischer, kreativer Akt war. Wesentliche Elemente des Psychodramas sind die szenische Darstellung, freie Improvisation, Rollenspiel. Die Gruppe gilt als Ort der Begegnung, Interaktion, als bestimmende Lebensform des Menschen. Im Stehgreifspiel soll die individuelle Wirklichkeit des Menschen dargestellt werden.
Das klassische Psychodrama beginnt mit einem Einstieg, dem Anwärmen, in dem Geschichten erinnert werden und sich Themen herauskristallisieren. Ein Protagonist, der Hauptdarsteller wählt schließlich sein Thema sowie seine Mitspieler, die Antagonisten, aus. In der Handlungs- oder Spielphase werden die Erinnerungen durchgespielt. Hilfreiche Methoden dabei sind das Doppeln (hinter dem Hauptdarsteller steht der Leiter oder ein zweiter Darsteller und versucht die Gefühle des Protagonisten auszudrücken), das Spiegeln (der Protagonist wird selbst dargestellt) und der Rollentausch (der Protagonist nimmt die Rollen der übrigen an der Geschichte beteiligten Personen ein). Die Grundannahme ist, dass Einsicht durch Handeln, durch Erleben möglich und mit Hilfe des Spiels das Verständnis erweitert wird. Das Psychodrama wird gern mit anderen Therapieschulen kombiniert.
Transaktionsanalyse (TA)
Gründer der Transaktionsanalyse ist der Psychiater Eric Berne (1910-1970), der ebenfalls erst psychoanalytisch tätig war. Während seiner langjährigen Arbeit in psychiatrischen Kliniken entwickelte er die Grundlage seiner Methode aus verschiedenen theoretischen Ansätzen.
Zu seinen Grundkonzepten zählen die Ich-Zustände (Struktur der Persönlichkeit) mit der Unterteilung in Erwachsenen-, Eltern- und Kindheits-Ich, die Analyse von Transaktionen und Spielen (Bedeutung der Kommunikation) und die Skriptanalyse (ein in der Kindheit entstandener Lebensplan). Wesentliche Annahme Bernes ist das beständige Bedürfnis des Menschen nach Zuwendung und Beachtetwerden, das, wenn nicht erfüllt, zu pathologischen, destruktiven Verhalten führen kann. Die TA wurde ursprünglich als Gruppentherapie entwickelt, wird heute aber auch im Einzel-, Paar- und Familiensetting eingesetzt. Wichtiges Element in der Arbeit ist der therapeutische Vertrag, in dem konkrete, überprüfbare Veränderungsziele festgehalten werden.
Existentiell orientierte Verfahren
Die Existenzanalyse und Logotherapie wurde als „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ (neben der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Individualpsychologie Alfred Adlers) von Viktor Frankl in den 30er Jahren des 20. Jh. ins Leben gerufen. Ausgehend vom philosophischen Ansatz der Phänomenologie und der Existenzphilosophie stehen die „Existenz“ und der „Wille zum Sinn“ im Mittelpunkt.
D.h. es geht einerseits um die Analyse der Lebensumstände mittels biographischer Methoden, um jene Bereiche zu finden, die für das gegenwärtige Leben hinderlich sind, andererseits auch das Bewusstmachen eigener Fähigkeiten und Kompetenzen. Darüber hinaus werden im therapeutischen Gespräch Möglichkeiten sinnvoller Lebensgestaltung gesucht (nach F. Nietzsche: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“), es geht um Sinnfindung und Sinnrealisierung. Anwendung findet diese Schule vor allem im Bereich der Prophylaxe, in der Erziehungs- und Sozialarbeit, bei Neurosen, Unsicherheitsgefühlen, psychosomatischen Störungen, Sucht, Krisen und Sinnlosigkeitsgefühlen.
1983 wurde in Wien die Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse gegründet und diese Richtung als eigenständige psychotherapeutische Schule institutionalisiert.
Systemische Modelle
Ausgehend von der Familientherapie, die zu Beginn der 50er Jahre des 20. Jh. in den USA entstand, entwickelten sich in Folge verschiedene systemisch orientierte Therapieformen. Gemeinsam ist ihnen, dass nicht ein Individuum allein betrachtet und behandelt wird, sondern das System bzw. der Klient innerhalb eines Systems, basierend auf Kommunikations- und Interaktionstheorien (zB Watzlawick). Es stellt sich die Frage, welche Funktion das Symptom für das System erfüllt.
Vor allem im deutschsprachigen Raum lassen sich zwei grundlegende Ansätze unterscheiden: Die strukturelle Familientherapie als Kontrollmodell und das Problemsystem, die lösungsorientierte Kurztherapie sowie das Reflecting Team (RT) als Konversationsmodelle. Während in der strukturellen Familientherapie die Familie als System betrachtet, diagnostiziert und therapiert wird und weniger der Einzelpatient, der als Symptomträger lediglich auf das dysfunktionale System hinweist, rückt in den neueren Entwicklungen des Konversationsmodells der Einzelne wieder mehr in den Mittelpunkt der Therapie, wobei es hier vor allem um festgefahrene Kommunikationsmuster im Familienverband geht. Der Therapeut ist einerseits teilnehmender Beobachter (Problemsystem), andererseits Mitglied des „therapeutischen Systems“, der durch sein Fragen das festgefahrene System „verstört“ (lösungsorientierte Kurztherapie nach de Shazer, 1988). Im Reflecting Team (Tom Andersen, 1990) dagegen geht es nicht mehr um Verstehen oder Diagnostizieren des Problems, sondern um Erweiterung bzw. Veränderung der Sichtweisen, indem mehrere Therapeuten gemeinsam vor dem/den Klienten laut reflektieren und neue Ideen sammeln.
Gearbeitet wird mit diesen Ansätzen vor allem in der Paar- bzw. Familientherapie bzw. mit Gruppen oder Institutionen.
Suggestive Verfahren
Bei diesen Verfahren stehen weniger Konfliktaufdeckung und rationales Verstehen im Vordergrund, sondern der direktere Zugang zum Unbewussten, zur somatisch-vegetativen Ebene sowie die suggestive Beeinflussung.
Hypnose und Hypnosetherapie
Hypnose zählt zu den ältesten Heilverfahren der Menschheit (Zeremonien, Rituale, Schamanismus, Yogis, Sufis etc.). F.A. Mesmer (1734-1815) hat sich erstmals auf einer wissenschaftlichen Basis damit befasst, der Begriff selbst stammt jedoch vom englischen Augenarzt James Braid (Mitte des 19. Jh.). Als wissenschaftliches Verfahren hat sich die Hypnose erst gegen Ende des 19. Jh in Frankreich durchgesetzt (wo auch Freud damit konfrontiert wurde). Hypnose kann als eine Art künstlich herbeigeführter Trance, eine Veränderung des Bewusstseinszustandes betrachtet werden, bei dem Phänomene wie eine verminderte Schmerzempfindlichkeit, Veränderung von Raum-, Zeit- und Körperwahrnehmung, Posthypnose und Dissoziation beobachtet werden.
Der Psychiater Milton H. Erickson (1901-1980) begründete die moderne Hypno- oder Hypnosetherapie, die heute als eigenständiges Psychotherapieverfahren in Österreich anerkannt ist und vor allem in Kombination mit anderen Methoden, aber auch bei Schmerzzuständen, im psychosomatischen Bereich und bei funktionellen Störungen eingesetzt wird.
Autogenes Training
Basierend auf der Hypnose entwickelte der Berliner Psychiater J. H. Schultz das Autogene Training als eine Art der Selbsthypnose. Unterschieden werden Grund- und Oberstufe, wobei in der Grundstufe vor allem mit Körperübungen gearbeitet und ein tiefer Zustand der Entspannung erreicht wird (Schwere- Wärmegefühl, etc.), während die Oberstufe mehr mit meditationsähnlichen Versenkungs- und Vorstellungstechniken arbeitet, um tiefe seelische Zusammenhänge bewusst zu machen und anschließend bearbeiten zu können. Das Autogene Training gilt als aufdeckendes analytisches Verfahren.
Neurolinguistisches Programmieren (NLP)
In den 70er Jahren des 20.Jh. entwickelten Richard Bandler und John Grinder aus verschiedenen bestehenden Verfahren ihren Ansatz des NLP, das heute besonders als Kurzzeittherapie eingesetzt wird. Wesentliche Elemente dabei sind zB der Rapport zwischen Therapeut und Klient, die Technik des Ankerns oder die ökologische Abklärung jeder Veränderung. Wahrnehmung der Körpersprache ist wichtige Aufgabe des Therapeuten. Ziel ist es, Wahlmöglichkeiten des Klienten zu erweitern.
Transpersonale Psychologie
Noch wenig wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es zu dieser sogenannten 4. Kraft in der Psychologie, geht es doch vor allem um spirituelle, überpersönliche, vorgeburtliche Erfahrungen. Als Beispiel für einen dieser Ansätze stellen die Herausgeber die Holotrope Therapie des Prager Psychiaters Stanislav Grof vor, der Mitte des 20.Jh. als einer der ersten LSD als damals unbekannte Substanz klinisch erprobte. Basierend auf dieser Arbeit schloß postulierte er die Existenz sogenannten perinataler Grundmatrizen, die im Zusammenhang mit der Geburt stehen und in Folge unser Leben beeinflussen. Gearbeitet wird mit verschiedenen Elementen, vor allem Atem- und Körperarbeit und Musik.
Zielgruppenbezogene Ansätze
Ein eigenes Kapitel haben die Herausgeber zielgruppenbezogenen Ansätzen gewidmet, wohl wissend, dass die Arbeit mit bestimmten Problemgruppen keine eigenständige Therapierichtung, sondern eine andere Perspektive darstellt – fast jede Schule arbeitet mit den genannten Zielgruppen auf ihre Art und Weise, wobei sie ihren eigenen Methodenmix dafür entwickelt.
Kinderpsychotherapie
Die Krankengeschichte des „kleinen Hans“ von Freud legt Anfang des 19.Jh. den Grundstock für die Arbeit mit Kindern. Wurde ursprünglich die Arbeit mit Erwachsenen lediglich für Kinder modifiziert, brachte Hermine Hug-Hellmuth das Spiel als „via regia“ zum Unbewussten des Kindes ins Spiel. Auch Adler hatte sich bereits mit der Beratung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. In der Zwischenkriegszeit entwickelten sich allmählich neue kindgerechte, therapeutische Techniken, die besonders mit den Namen Melanie Klein und Anna Freud verbunden sind. Klein arbeitete vor allem mit der Spielanalyse, die der Erwachsenenanalyse entspricht, während Anna Freud die Andersartigkeit der Kindertherapie betont und in weit stärkerem Ausmaß die Eltern des Kindes miteinbezieht. Spätestens nach Ende des zweiten Weltkrieges nehmen andere Therapieschulen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auf Basis ihrer theoretischen Konzepte in ihr Repertoire auf.
Sexualtherapie
Obwohl Sexualstörungen weit verbreitet sind, spielen sie in der Therapie meist eine untergeordnete Rolle. Entstehungsursachen können sowohl biologischer wie psychischer Natur sein, wobei in den meisten Fällen verschiedene Formen von Angst, sei es bewusst oder unbewusst, kürzlich oder schon in der Kindheit erworben, eine Rolle spielen. Sexuelle Dysfunktionen, wie zB Impotenz, Anorgasmie oder Ejaculatio praecox, spiegeln oftmals auch Beziehungsprobleme bzw. Kommunikationsstörungen eines Paares wieder. Insofern sollte eine Therapie am Selbstverstärkungsmechanismus (Erwartungsangst, Selbstbeobachtung, Vermeidung etc.) der Störung ebenso arbeiten wie an den zugrundeliegenden Paarproblemen wie auch an ursächlichen individuellen Ängsten und Konflikten.
Familientherapie
Familientherapie wird hier nochmals als kleinster gemeinsamer Nenner verschiedener Strömungen beschrieben, die Symptome einzelner Personen als Teil/Funktion innerhalb eines größeren Systems (Klein/Großfamilie oder alle vom Symptom Betroffenen) betrachten und behandeln.
Körperorientierte Psychotherapie
Unter Körperorientierter Psychotherapie versteht man eine Vielzahl von Ansätzen, die größtenteils auf den Arbeiten von Wilhelm Reich basieren. Gemeinsam ist allen die Annahme einer Art Lebensenergie, die Annahme, dass Körper und Seele funktionell ident sind sowie die Miteinbeziehung des Körpers in die Therapie. Vielfach finden sich psychoanalytische und humanistische Grundgedanken. Unterscheidungsmerkmale finden sich in der jeweiligen Betonung von „Explosion versus Pulsation“, im Grad der verbalen Aufarbeitung und Analyse und in der Rolle des Therapeuten.
Da die genannten Ansätze in Österreich durchwegs nicht als eigenständig anerkannt Psychotherapiemethoden gelten, möchte ich sie hier auch nur kurz beschreiben:
Charakteranalytische Vegetotherapie
Wilhelm Reich (1891-1957) war anfangs begeisterter Psychoanalytiker, bis ihn seine intensive Beschäftigung mit der Freudschen Libidotheorie zu eigenen, teils konträren Annahmen brachte. Nicht Triebunterdrückung sei das Ziel, sondern die ökonomische Selbststeuerung, das Ausleben der sexuellen Bedürfnisse – ein Konflikt gehe Hand in Hand mit einem körperlichen, sexuellen Energiestau. Körperliche Vorgänge sind nicht Folgeerscheinung von seelischem Erleben sondern entsprechender Ausdruck auf der körperlichen Ebene (Aufhebung des Leib-Seele-Dualismus). Wesentliches Element eines Verdrängungsvorganges sei die muskuläre Verspannung – dort , wo sie chronisch wird, spricht Reich von „Panzerung“. Reich legte damit einen Grundstein zum Verständnis psychosomatischer Erkrankungen.
Bioenergetische Analyse
Die Bioenergetische Analyse (unter Auslassung der Analyse auch als Bioenergetik bekannt) geht großteils auf Alexander Lowen, Schüler Wilhelm Reichs, zurück. In der Therapie wird nach Erstellung der Diagnose unter Miteinbeziehung des Körperausdruckes mit folgenden Zielen gearbeitet: Verspannungen bewusst machen, die entsprechenden Erinnerungen dazu bearbeiten und analysieren und Lösung der blockierten Impulse durch geeignete Körperübungen.
Biodynamische Psychotherapie
Die auch als Gerda-Boyesen-Methode bekannte Therapieform basiert auf der Entdeckung der Psychoperistaltik: Energetische Bewegungen im Organismus laufen in Form bestimmter Zyklen ab (Erregung steigt aus den Eingeweiden auf, entlädt sich durch Ausdruck in Stimme, Blick, Gesten, der Rest sinkt ab und entlädt sich über Verdauung im Darm), die sich parallel auf der psychischen, muskulären und vegetativen Ebene vollziehen.
Core-Energetik
John Pierrakos gilt als Begründer der Core-Energetik. Ausgehend von den Arbeiten Reichs bemühte er sich die Lebensenergie (Orgon) sichtbar zu machen. Er beobachtete die Aura, das Energiefeld, von dem der Mensch umgeben ist und das ihm Aufschluss über Gefühle und Blockaden gibt. Zusammen mit Alexander Lowen entwickelte er die Groundingübungen (Auf-dem-Boden-stehen). Unter Core versteht Pierrakos den ursprünglichen, inneren Kern positiver Gefühle eines Menschen, der von einer Schicht primär negativer Gefühle sowie vom Charakterpanzer und der Charaktermaske und schließlich der Aura umgeben ist.
Hakomi
1980 begann Ron Kurtz ein Lehrinstitut für sein Methode aufzubauen. Hakomi („Wer bist Du?“ „Der, der Du bist“) basiert auf den 5 Prinzipien: Einheit im Universum, innere Achtsamkeit, Gewaltlosigkeit, Organizität, Geist-Körper-Einheit und verbindet verschiedene Körpertherapien mit der fernöstlichen Philosophie des Buddhismus und Taoismus. Der Körper ist Ausdruck des Charakters, geprägt durch die eigenen Überzeugungssystem (belief systems) und spiegelt Gefühle verlässlicher wider als die Sprache. Eine wichtige Rolle in der Therapie spielt die Arbeit am und mit dem Körper ebenso wie Berührungen zwischen Therapeut und Klient.
Primärtherapie
Die Primär- (auch. Urschrei)-Therapie geht zurück auf Arthur Janov, der von einem Urschmerz (primäre Bedürfnisse in der Kindheit bleiben unerfüllt) ausgeht, der verdrängt wird und dadurch einen permanenten Spannungsdruck erzeugt. In einer Intensivtherapie wird das Abwehrsystem angegriffen, bis im Erleben des Urschreis alte Verletzungen nochmals ganzheitlich gefühlt und dadurch geheilt werden.
Funktionelle Entspannung
Die Funktionelle Entspannung geht zurück auf Marianne Fuchs und basiert auf tiefenpsychologischen Grundgedanken. Das ES ist dabei das leiblich unbewusst Autonome, dem es sich zu überlassen gilt. Ziel von FE ist es, wieder in seinen ursprünglichen (Atem)Rhythmus zu kommen, Sinnes- und Körperwahrnehmungen zu verfeinern und differenzieren.
Bewegungsorientierte Methoden
Die Einteilung nach bewegungsorientierten Methoden basiert auf den gemeinsamen Annahmen, dass Erweiterung von Bewegungsfähigkeit im Zusammenhang mit entsprechender Reflexion wachstums- und entwicklungsfördernd sowie heilsam wirken kann. Es finden sich emotional-aktivierende, erlebniszentrierte Elemente, funktionell-übende sowie konfliktzentriert-aufdeckende.
Tanztherapie
Isadora Duncan und Mary Wigman brachen Anfang des 20. Jh. mit den starren Formen des Balletts und schufen damit die Basis für eine Tanztherapie, mittels der eigenes seelisches Erleben und Empfinden ausgedrückt werden kann. Cary Rick entwickelte im deutschsprachigen Raum ein eigenes Modell, das auf den Grundlagen der humanistischen Psychologie fußt. Da Störungen in der Körper-Seele-Geist-Einheit sich im Bewegungsverhalten widerspiegeln, entwarf Rick eine differenzierte Bewegungsanalyse und -diagnostik. Die Therapiearbeit setzt sich aus Initialphase (warm-up), Aktionsphase und Integrationsphase zusammen, wobei der Therapeut mit verbaler Anleitung, direkten und indirekten körperlichen Interventionen arbeitet.
Konzentrative Bewegungstherapie (KBT)
Die Konzentrative Bewegungstherapie geht zurück auf die bewegungspädagogische Arbeit Elsa Gindlers (1885-1961), die von Helmuth Stolze schließlich um den tiefenpsychologischen Aspekt erweitert wurde. Emotionale Einschränkungen gehen (in Anlehnung an Piaget) mit kognitiven und motorischen Hand in Hand. Wahrnehmung (vor allem Selbstwahrnehmung) und Bewegung bilden dabei die Basis für Erfahren, Verstehen und Handeln. Durch Bewegungsangebote werden Möglich-keiten zur Körperwahrnehmung geschaffen, in anschließenden Gesprächen wird Erlebtes bearbeitet.
Integrative Bewegungs- und Leibtherapie
Aus verschiedenen Therapieformen (Gestalttherapie, Atemtherapie, Psychodrama) und Einflüssen aus dem Therapeutischen Theater (Vladimir Iljine) hat H. Petzold eine integrativen Ansatz entwickelt, der von pathogenen Stimulierungskonstellationen ausgeht, die u.a. mittels Entspannungs-, Bewegungs-, Sensibilisierungs- und Phantasietraining bearbeitet werden.
Kreativitätsbezogene Therapieformen
Gemeinsam ist allen Therapieformen die Arbeit mit dem kreativen Potential des Menschen, das über non-verbale Ausdrucksformen einen Zugang zum Unbewussten schaffen und dadurch heilsam wirken kann. Darüber hinaus werden Erfolgserlebnisse vermittelt, das Selbstbewusstsein gestärkt, Kommunikation gefördert bzw. können unbewusste Ängste, Wünsche und Motive aufgespürt und bearbeitet werden.
Die verschiedenen Ansätze werden sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting vor allem bei Lern-, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, bei körperlichen und geistigen Behinderungen, bei Suchterkrankungen, Essstörungen, aber auch in der Selbsterfahrung eingesetzt.
Grob unterscheiden lassen sich verschiedene Formen der Musiktherapie und der Gestaltungs – und Kunsttherapie, wobei hier die Psychoanalyse speziell mit der Traumanalyse und der Symbolik und Deutung von Bildern eine wesentliche Rolle spielt.
Kreative Elemente werden auch in anderen Therapieschulen eingesetzt, vor allem in humanistischen Therapieverfahren. Auch in der Analytischen Therapie C.G. Jungs stellen künstlerische Betätigung und Deutung von Kunstprodukten nicht nur einen individuellen Zugang zum Unbewussten dar sondern lassen ebenso archetypische Muster erkennen.
Angrenzende und pädagogische Verfahren
Nur kurz möchte ich noch die angrenzenden und pädagogischen Verfahren erwähnen, die nicht den therapeutischen Kriterien entsprechen und eher in den Bereich Pädagogik, Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung fallen. Sie befassen sich nicht mit krankheitswertigen, pathologischen Störungen, sondern dem „normalen“, gesunden menschlichen Erleben und Verhalten. Dennoch gibt es zahlreiche Verflechtung und wechselseitige Einflüsse mit therapeutischen Ansätzen.
Gruppenpädagogische Konzepte
Bei den gruppenpädagogischen Konzepten werden hier die Gruppendynamik (GD), basierend auf den Arbeiten Kurt Lewins und Jacob Morenos, und die Themenzentrierte Interaktion (TZI), begründet von Ruth Cohn, genannt. Während erstere sich generell mit den in Gruppen wirksamen Kräften, ihrem Denk- und Handlungssystemen befasst, indem das Gruppengeschehen größtenteils unstrukturiert beobachtet und erforscht wird, ist bei letzterer ein Thema, eine Aufgabe vorgegeben, die in systematischer, angeleiteter Weise bearbeitet wird.
Körperorientierte Methoden
Der Wissenschafter Chuck Kelley gilt als Begründer von Radix, das auf der energetischen Pulsation alles Lebens beruht. Wird die natürliche Pulsation blockiert (nach außen, nach innen oder insgesamt), muß vermehrt Energie aufgewandt werden, was sich auch im emotionalen Erleben und Verhalten auswirkt.
Die Strukturelle Integration oder Rolfing von Ida P. Rolf stellt die Struktur des Menschen im Schwerefeld der Erde in den Mittelpunkt. Verformte (Haltungs-)Strukturen, die auf falsche Bewegungsmuster, emotionale Konflikte, Unfälle etc. zurückgehen, können zahlreiche Beschwerden verursachen, die durch manuelle Therapie behandelt werden.
Die Posturale Integration von Jack Painter verbindet verschiedene Arten der Körperarbeit zu einem Ansatz, der die ganzheitliche Sicht von Körper, Gefühl und Intellekt betont.
Der Wissenschafter Moshe Feldenkrais legte das Schwergewicht in seiner nach ihm benannten Methode auf das Wiedererlernen des Lernens. Nachdem der Mensch im Laufe seines Lebens immer mehr Bewegungen aus seinem Repertoire ausscheidet und seine Haltung meist schlechter wird, geht es darum wieder Bewusstheit durch und für Bewegung zu gewinnen, um sein Handlungsspektrum zu erweitern.
Bei der von Gerda Alexander entwickelten Technik der Eutonie geht es um das Aufspüren des eigenen Bewegungsausdrucks, des Körperbewusstseins. Der Mensch soll an sein natürliches Wesen, das durch Ansprüche der Umwelt und Gewohnheiten verdeckt ist, wieder herangeführt werden.
Rebirthing nennt sich eine von Leonard Orr (wieder)entdeckte Methode des fließenden Ein- und Ausatmens, durch das verspannte Atemmuster, die mit entsprechendem Gefühlserleben und Denkmustern in Zusammenhang stehen, wieder befreit werden sollen.
Die Progressive Muskelrelaxation (PMR) von Edmund Jacobson hat sich als Entspannungsverfahren per se bzw. als Ergänzung therapeutischer Ansätze bewährt. Grundprinzip ist das systematische und willkürliche An- und Entspannen der Muskulatur und das Wahrnehmen und Unterscheiden dieser Vorgänge. Der Zusammenhang zwischen Spannung, Muskelkontraktion und beispielsweise Angst steht dem Zustand der Entspannung (mit allen physiologischen Begleiterscheinungen) und der Beseitigung von Angstgefühlen gegenüber.
Abschließende persönliche Stellungnahme/Reflexion
Das Buch bietet einen guten Überblick über gebräuchliche (psychotherapeutische) Schulen und Ansätze und lässt vor allem Unterschiede, aber auch Zusammenhänge und Überschneidungen bzw. die wechselseitige Beeinflussungen deutlich werden.
Auffallend scheint mir, wie viele Schulen und Methoden doch in der Freudschen Psychoanalyse wurzeln bzw. sich in Folge daraus entwickelt haben. Kaum ein Ansatz ist aus dem Nichts entstanden, sondern setzte die Beschäftigung mit anderen Methoden voraus, um schließlich in eine Erweiterung oder Neuorientierung zu münden. Oftmals scheint es sich nur um verschiedene Perspektiven und Zugänge zu handeln, die einander zum Teil gut ergänzen (vor allem im Bereich der körper- und bewegungsorientierten Arbeit). Aufgrund der Lektüre aber auch meiner eigenen Erfahrungen und meiner Beschäftigung im therapeutischen Setting stelle ich fest, dass kaum „reinrassig“ gearbeitet wird, sondern meist eine Vielzahl von unterschiedlichen Methoden aus verschiedenen Schulen eingesetzt wird bzw. das therapeutische Vorgehen stark an den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Klienten orientiert ist. Auch fällt auf, wie viel Wissen aus therapeutischer Arbeit heutzutage schon selbstverständlich in den Alltagsgebrauch übernommen wurde (zB Unbewusst, Verdrängung, Überich, Extraversion, Atemarbeit, Einsatz kreativer Methoden, etc.)
Zum Buch selbst muß gesagt werden, dass die einzelnen Kapitel teilweise sehr abstrakt, trocken und theoretisch bzw. auch zu fachspezifisch für Laien (so es als Grundeinführung gedacht ist) präsentiert wurden. Sinnvoll und praktisch habe ich die allgemeinen Beschreibungen und Beispiele aus der Praxis (Existenzanalyse, KBT) empfunden.
Verwirrend war es da, wo unterschiedliche Beschreibungsansätze und die Länge der Darstellung
einen Vergleich erschweren. Besser wäre in meine Augen eine systematische Darstellung mit gleichen Fragestellungen: Begründer, Entstehung, Grundprinzipien, Anwendung, Methoden, Beispiel aus Praxis etc.
Obwohl das Buch erst knapp über zehn Jahre alt ist, hat sich doch in der Zwischenzeit vieles getan und verändert; man merkt, wie rasch die Entwicklung in der Psychotherapie voranschreitet. Mein Wusch wäre, eine detaillierte Darstellung der in Österreich anerkannten Methoden .