Strampeln, treten, schwitzen
Wie ein Heuschreckenschwarm brechen sie regelmäßig ab dem beginnenden Frühjahr über das Land herein – in grellbunten Trikots, mit kleinen Saugfläschchen in der Halterung und stromlinienförmigen Helmen flitzen sie bäuchlings in mörderischem Tempo durch die Straßen. Die großen Vorbilder: Indurain, Rominger, Königshofer, Kelly, und wie sie alle heißen. Der Fahrradboom ist ausgebrochen. Und des Steirers liebstes Kind ist mittlerweile – sein Fahrrad.
Neben den Amateurrennradlern tummeln sich aber noch eine ganze Menge weiterer Pedalritter auf den heimischen Straßen. Vom Mountainbike über das Citybike, vom Trekkingbike zu Opas Waffenrad, über diverse 08/15-Räder bis hin zu Tandems, Ein- und Dreirädern ist so ziemlich alles vertreten, was Lenkrad und Pedale hat. Strampeln, treten, schwitzen ist die Devise. Und Rad fahren wird mehr und mehr zu einer eigenen Philosophie. Wer heute etwas gelten will, der hat zumindest ein 3000-Euro-Rad in der Garage stehen und kennt sich aus mit Trittfrequenzzählern, Öldruckbremsen und den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Schaltsysteme. Die organisierten Radtouren, Familienwandertage und Wettbewerbe häufen sich, und jeder, vom Kleinkind bis zum Opa, tritt lustvoll in die Pedale.
Aber nicht nur Freizeit- und Hobbysportler sorgen für den Siegeszug des Fahrrads, immer öfter sieht man Beamte, Politiker und Geschäftsleute mit Anzug, Krawatte, Aktenkoffer und Helm auf den Radwegen strampeln. Stau und Parkplatzsuche ade, mit dem Rad geht’s nicht nur schneller, sondern man tut auch gleichzeitig was für die Fitness. Edegger sei Dank, haben wir in Graz ein stetig wachsendes Radwegenetz, und die 30er-Beschränkung tut ihr übriges dazu, dass nicht nur Grün-Alternative aufs Rad umsteigen. Besonders beliebt bei den Steirern ist der Murradwanderweg. Gesäumt von Gaststätten und Imbissstuben jeglicher Art, zieht er sich quer durch die Steiermark. Asphalt- und Schotterwege, Wald und Wiesen bieten Abwechslung genug. Die Getränkefirmen haben Hochkonjunktur, denn wer bei dieser Hitze auch noch per Rad unterwegs ist, muss viel trinken. Die isotonischen Durstlöscher gehen weg wie die warmen Semmeln. Und die Buchhandlungen und Fremdenverkehrseinrichtungen quellen über vor Radwanderkarten und Handbüchern über die „schönsten Radwege in der Steiermark“ oder „Mit deinem Fahrrad auf du und du“. Ganz abgesehen von den diversen Fachgeschäften, Radclubs, Versicherungen und Veranstaltern können noch viele am großen Fahrradkuchen mitnaschen. Der Markt ist nach oben offen. Für eine passende Ausrüstung, wie man sie heutzutage schon braucht, legt man gut und gerne eine paar Tausender hin. Natürlich gibt es noch einige Unverbesserliche, die gleichmütig mit einem alten Dreigangrad in Jeans und Turnschuhen vor sich hin strampeln. Für die das Fahrrad nicht mehr als ein billiges Fortbewegungsmittel ist. Aber der Trend geht in Richtung Fahrradwissenschaft. Wer sein Rad liebt, der hegt und pflegt es, der ist mit jedem Zubehör stets am neuesten Stand. Und die wahren Fahrradgourmets haben für jeden Zweck bereits ein eigenes Rad vor der Tür stehen.
Dass der Fahrrad-Botendienst zumindest in der Stadt meist schneller ist als jedes Taxi, haben sich Firmen und Zusteller bereits zunutze gemacht. Auch die Gesetzeshüter fangen nun vermehrt an, ein Auge auf die Zweiradler zu werfen. Wer alkoholisiert am Rad erwischt wird, kann gleich einmal ein paar Euros zusätzlich vom Konto abbuchen. Dass Mountainbikes auf den Straßen eigentlich nicht erlaubt sind, hat die Polizei des öfteren bereits eindrucksvoll demonstriert. Dass im Halteverbot parkende Fahrräder inzwischen gerne abgeschleppt werden, spricht sich auch schön langsam herum. Und die Debatte über Nummernschilder und Haftpflichtversicherungen für Fahrräder deutet an, dass man das Rad in Zukunft durchaus ernst zu nehmen hat.