Essay, Kolumne

Ab zur Gebrauchtpartnerbörse

Haben Sie auch einen daheim herumliegen? Einen Gebrauchten, meine ich. Die Gebrauchten erkennt man leicht daran, dass sie, sobald sie bei der Haustür hereingekommen sind, wahllos Gegenstände im Wohnumfeld fallenlassen (oder umverteilen) und sich alsdann selbst fallenlassen – auf die Couch, Fernbedienung und Fernseher an (wobei in erster Linie nicht so wichtig ist, was gerade läuft, Hauptsache es läuft – irgendwas). Bier und Chips, wahlweise Cola und Gummibärlis machen das Glück des Gebrauchten perfekt. Selber wird man so gut es eben geht übersehen – oder für eigennützige Zwecke eingespannt („Schatz, kannst du mir mal ein Bier bringen?“) Vorbei die Zeiten der leidenschaftlichen Wiedersehensküsse, vorbei die Zeiten, als der ehemals Ungebrauchte einen, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war, auch schon die Kleider vom Leib gerissen hat. Vorbei die herrlich langen Gespräche, Spaziergänge, Hand in Hand, vorbei die vielen netten kleinen Geschenke und Überraschungen, die sich der ehemals Ungebrauchte hat einfallen lassen. Die Zeiten ändern sich – er hat Patina angesetzt (und eine Speckrolle um die Hüften). Er hat weiße Haare oder nur noch wenige Haare und sein Blick ist ein wenig trübe geworden.

Gebraucht und eben ein wenig abgenutzt. Manche Gebrauchte zeichnen sich aber auch mehr durch chronische Abwesenheit aus, rufen (im besten Fall) regelmäßig an, um ihre Verspätung kundzutun („Kann heut leider nicht mitgehen ins Kino, Überstunden, du weißt schon…“), manchmal verschwinden sie überhaupt grußlos, tauchen unter für ganze Nächte oder Wochenenden („Radtour mit Freunden“).

Im Großen und Ganzen haben die Gebrauchten ab einer gewissen Halbwertszeit nicht mehr viel zu bieten.

Deshalb schlage ich vor, sogenannte Gebrauchtpartnerbörsen einzurichten – wahlweise im Internet, in diversen Zeitschriften oder über stylishe locations. Man könnte das Ganze natürlich auch im Stile der guten alten Tupper Partys aufziehen – die waren meines Wissens sehr beliebt und es gab nicht nur einiges zu kaufen, man konnte sich auch untereinander glänzend über die Vorzüge und Nachteile der einzelnen Produkte austauschen.

Man packe also seinen Gebrauchten (zur Not tut’s auch ein Foto, das jedoch – Vorsicht – geschönt sein könnte oder einer Zeit entstammt, da unsereins noch in den Kinderschuhen steckte) und schleppe ihn (oder das Foto) alsdann zur Börse und preise seine Vorzüge auf den einschlägigen Seiten an: „45 Jahre jung, gut erhalten, noch Ansätze von Waschbrettbauch erkennbar, pflegeleicht, die meiste Zeit unterwegs, muss nicht groß versorgt werden“ oder „52, gutes Einkommen, schuldenfrei, kaum Beschwerden, kommt noch ohne Krankenpflege aus, trainiert auf Staubsaugen und Müllraustragen. Vorzüge: handwerkliches Geschick, bastelt gerne“ oder „54, Sportfan, braucht genauen Menüplan und regelmäßige Massagen – das kann allerdings delegiert werden – ist für Haushalt und Garten wenig einsetzbar, dafür in guter körperlicher Verfassung und wenn man ihn zu Gesicht bekommt, immer noch ein sehenswerter Anblick“ oder „Jugendlicher 47er, gerade in der Midlifecrisis, günstig abzugeben. Meist grantig, daher am besten an 20-Jährige, der das egal ist. Unter 25 ist auch sein bevorzugtes Jagdrevier. Fährt Porsche Cabrio und geht gern in die Disco, wo er sich zum Narren macht. Weil er aber alles zahlt, wird er gern gesehen. Ungeeignet für liebevolle Dauerbeziehung, eher kurzfristig einsetzbar, rascher Höhepunkt, danach eher Flaute.“

Tja – und wenn man Glück hat, findet man ein Modell, das für den persönlichen Gebrauch passender erscheint, dessen Dellen und Schrammen durchaus liebenswert erscheinen, zumindest kann man mal andere Problembereiche ausprobieren – um besser einschätzen zu können, womit man noch am ehesten fertig wird.