Essay, Kolumne

Gewalt ist unser täglich Brot…

Das Zuschauertum der postsolidarischen Gesellschaft

                           oder

 Was kann ich denn schon machen?

 

Es ist schon so selbstverständlich, dass es uns kaum mehr auffällt, aber: Wir alle sind beinahe tagtäglich mit Gewaltsituationen konfrontiert – sei es Mobbing am Arbeitsplatz, Gewalt auf der Straße, sexuelle Belästigung, Anpöbelungen und Gewaltakte gegen Ausländer, verbale Gewalt oder Gewalt via TV. In einem zweitägigen Symposion in Graz wurde versucht, Wege aufzuzeigen, die diese Spirale der Gewalt unterbinden könnten.

„Man kann nicht allen helfen“, sagt der Engherzige und hilft keinem (Marie von Ebner-Eschenbach).

Sie haben den dringenden Verdacht, dass das knapp fünfjährige Mädchen aus dem Nachbarhaus von ihren Eltern misshandelt wird. Es weist ständig blaue Flecken und Verletzungen auf, und zweimal wurde es bereits mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht. Was unternehmen Sie?

In ihrem Stammlokal bricht eine Streiterei aus, und ein betrunkener Jugendlicher geht mit den Fäusten auf Sie los. Nur sein Freund hält ihn zurück, bevor er Sie tätlich angreift. Wie fühlen Sie sich dabei?

Eine weitere Variante gefällig? In der Straßenbahn sitzt Ihnen eine junge schwarze Frau gegenüber. Ein älterer, gut gekleideter Mann steigt ein und beginnt, die junge Frau anzupöbeln: „Immer dieses Ausländerpack! Warum gehst Du nicht zurück nach Afrika?“

Sie sehen weg und schweigen?

Der Assistent vom Chef macht in ihrer Gegenwart ständig anzügliche Bemerkungen. Die Schülerin in der siebten Klasse spricht von Selbstmord. Die Putzfrau vom Büro nebenan ist gestern ins Frauenhaus geflüchtet. Briefbomben, Brandanschläge, ein Todgeweihter, der über seine letzten grausamen Erfahrungen mit teilnahmslosen Ärzten spricht. Gewalt, ob physisch oder psychisch, ob direkt oder über subtile Vernetzungen, real oder virtuell, Gewalt ist in unserem täglichen Leben alltäglich.

„Jeden Tag kann es vorkommen, dass wir in eine Situation geraten, die ein spontanes Eingreifen erforderlich macht. Unser oft zu geringes Wissen um Krisen- und Konfliktinterventionsmöglichkeiten trägt mit bei zur vielfach zitierten ‚postsolidarischen Gesellschaft‘, zum Zuschauertum und zur Kälte unserer Welt.“ Mit diesen Worten kündigte das steirische Erwachsenenbildungsinstitut Urania in Graz ein zweitägiges Symposion an. „Wege aus der Gewalt -Wege zum Handeln: Training für Interventionen in Krisensituationen“, so der Titel der Veranstaltung, die gemeinsam mit dem Internationalen Versöhnungsbund und dem Grazer Friedenbüro organisiert wurde. Sechs Trainingsgruppen standen zur Auswahl – die Themenkreise reichten von Mobbing, Gewalt auf der Straße und ausländerfeindliche Situationen über Zivilcourage im Alltag bis hin zu Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung und Krisenintervention bei Selbstmordgefährdung. Grundtenor und Motivation der rund 70 TeilnehmerInnen: „Wir wollen nicht nur zuschauen, wir wollen handeln, wir wollen etwas unternehmen gegen die Gewalt, die uns tagtäglich umgibt“. Probleme, persönliche Erfahrungen zum Thema Gewalt zu schildern, hatte keine/r. Sei es erlebte Gewalt, sei es ausgeübte Gewalt. Einig war man sich, dass es hierbei nicht um Gefühle wie Wut und Aggression geht, die in jedem Menschen vorhanden sind, sondern um den Umgang, das gewalttätige Ausleben der negativen Gefühle.

„Jede Rohheit hat ihren Ursprung in einer Schwäche“, stellte schon der Philosoph Seneca fest, und umgekehrt produziert Schwäche oft Rohheit, stellten die TeilnehmerInnen fest. Das sogenannte „Theater der Unterdrückten“ ist eine großartige Methode, Situationen wahrzunehmen, zu analysieren und Möglichkeiten der Veränderung zu suchen. Eine konkrete Gewaltsituation wird nachgestellt, wobei der/die Betroffene als Regisseur/in andere Personen statuenhaft in die Position bringt, die dem Erlebten am besten entspricht. Interessanterweise berichten neutrale Teilnehmer, die in die Position des Angreifers gesteckt wurden, von einem Hochkommen von Aggressionen und Wut, wenn sie ihr hilfloses Opfer vor sich sehen. In mehreren Schritten wird das Standbild dann verändert zu einem Idealzustand. „Wie könnte ich handeln, wie könnte ich die Situation gestalten, um Gewalt abzuwehren, zu verhindern?“ Die TeilnehmerInnen lernen, Ihr eigenes Drehbuch zu schreiben, in das Geschehen einzugreifen. Sie können herumexperimentieren, verschiedene Positionen einnehmen, aktiv werden. „Meist handeln wir sehr unreflektiert, wenn wir in eine Stresssituation geraten, wir greifen auf alte Verhaltensmuster zurück, sei es Passivität, Aggression, Angriff“, erläutert Trainer Christian Zettl vom Internationalen Versöhnungsbund. Wichtig sei es daher, sich Situationen immer wieder bewusstzumachen, durchzuspielen, Alternativen einzuüben, sein Drehbuch umzuschreiben.

Zivilcourage beruht auf vier Säulen: Dem Erkennen und Wahrnehmen der Situation, oder wie es die Friedensarbeiterin Hildegard Goss-Mayer formuliert: „Die Wahrheit des anderen entdecken“. Wir müssen weg vom Schwarz-Weiß-Denken – in einer Konfliktsituation hat selten einer völlig recht und der andere völlig unrecht. In beiden schlummern Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen. Wahrnehmen, was passiert – selbst in einfachen Spielen merkt man als Teilnehmer schnell, dass man meist viel zu wenig hinsieht, viel zu schnell urteilt.

Die zweite Säule der Zivilcourage ist die eigene Stabilität, Sicherheit. Goss-Mayer nennt es: Mitverantwortung entdecken und offenlegen. Wer sich seiner Werte und Überzeugungen, seiner Verantwortung zum Handeln bewusst ist, strahlt Stärke aus.

Das Aufnehmen eines Dialoges stellt die dritte Säule dar. „Wir müssen mehr miteinander sprechen, denn es ist oft das Fremde, das uns Angst macht, von dem wir uns bedroht fühlen“. Der Pädagoge Uwe Painke hat das in seinem Vortrag eindrucksvoll geschildert. Anhand von mehreren Projekten, die sich mit der Bekämpfung von Gewalt in bestimmten Stadtteilen auseinandersetzten, zeigte er auf, dass es oft ausreicht, wenn Menschen sich zusammenschließen, Kontakt aufnehmen, die Fremdheit abbauen. Brandanschläge und Gewaltakte gegen Schwarze nahmen ein abruptes Ende, nachdem der Pfarrer die weißen Einwohner eines Viertels gebeten hatte, den Neuankömmlingen beim Siedeln zu helfen. Der Kontakt war hergestellt, der Fremde war plötzlich ein Bekannter, ein Mensch wie Du und ich. „Das Problem benennen, die Ursachen suchen, den Kern finden, nicht auf die Person bezogen, sondern auf die Inhalte“, lautet die entsprechende Aufforderung von Goss-Mayer.

Als letzte Säule schließlich steht das aktive Handeln, Prioritäten setzen, das Einbringen konstruktiver Lösungsvorschläge. Summa Summarum bieten sich hier ein paar Expertentipps an: Ruhig bleiben, Panik vermeiden! Die zugewiesene Opferrolle verlassen, sein eigenes Drehbuch schreiben! Blickkontakt zum Gegner oder Angreifer ist wesentlich (in sozialpsychologischen Studien wurde bereits nachgewiesen, dass Gewalt gegen andere umso leichter fällt, je weiter das Opfer entfernt ist, je weniger man es zu Gesicht bekommt). Nicht drohen oder beleidigen – keine personenbezogenen Abwertungen! Hilfe holen – nicht von einer anonymen Masse, sondern indem man einzelne persönlich anspricht, zum Handeln auffordert. Und zuletzt: Das Unerwartete tun, aus der Rolle fallen, kreativ sein und den Überraschungseffekt nutzen!

Ein paar wesentliche Erkenntnisse, die die TeilnehmerInnen bei diesem zweitägigen Symposion gewonnen haben: „Es muss nicht jeder Konflikt zu einer Ideallösung führen, aber es reicht, den Konflikt einzudämmen, Gewalt zu verhindern. Und das vielleicht wichtigste Mitbringsel: „Es gibt 1000 Möglichkeiten zu reagieren, einzugreifen!“

„Helfen-Können ist aber nicht nur ein ethisches Postulat, es steigert auch Entschlussfähigkeit, Handlungsbereitschaft, Kompetenzgefühl und Selbstsicherheit in allen Lebenslagen“, formulierte Dr. Wolfgang Stock von der Urania.

Und auf den Punkt bringt es der deutsche Dichter Goethe in „Die Leiden des jungen Werthers“: „Ich war, fuhr sie fort, eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, um den anderen Mut zu geben, bin ich mutig geworden“.