Erzählungen

gleichenberg impressionen

… glanz & glorie in gleichenberg anno 2009

 

„sonderabverkauf des inventars parkhotel, kurhotel und villa albrecht ab sofort“

sagt das schild an den scheiben des parkhotels und  „abverkauf therme im kurhotel“ sagt ein anderes schild an den scheiben

ich schaue durch, durch die scheiben im parkhotel, da wo einst menschen saßen, im lokal, heute:

„lichtsegel mit 3 strahler“ und „rahmen – gold € 35“, „2er sofa € 60“ und „öl-bild € 55“

und kommode, pendeluhr altdeutsch, tisch, amphore, spiegel, geschirr, antiker wandteppich, fabergé eier, rezeption komplett, amphoren, amphoren, viele, viele amphoren

pendeluhren, pendeluhren

eine frau ins geschäft:

„entschuldigung, ich brauch luft für mein fahrrad – wo find ich die?“

 

es tickt, es tickt, es tickt unaufhörlich, die pendeluhren, pendeluhren,

standuhr, ölbild, ölbild, das ölbild und der spiegel, eine alte mütze am hacken, es tickt, tickt allerorts, rundum tickt es, so viele pendeluhren von einst

der rosa putz bröckelt von der wand da hinten

sitzgarnitur, blumentrockener strauss

buch, bücher, ein sessel, ein fotoapparat, noch ein sessel und bilder, viele, viele bilder,

öl-, ölbilder vor allem, aber auch aquarelle, eine teedose, unmengen besteck, besteck aus silber

noch mehr pendeluhren, eine standuhr und ungeputzte scheiben

die rosa villa albrecht dahinter trüb verfallen

 

draußen auf der straße gegenüber

„café café cafè maria´s bistro »

pizza solls geben und antipasti und fisch

 

verblichener glanz in gleichenberg, verwittert bröckelt, welkt es vor sich hin, jeden tag mürber morscher – unaufdringlich leise vergilbt es

unsichtbare spinnfäden gewoben in jahrhundertelangem glanz

biedermeier k+k glanz und glorie einst das waren zeiten luxus, laster, lebenslust

es bröckelt, es morscht, es mürbt

verblasste farben

nur der park, der park

magnolien blätter säumen meinen weg

und der mammutbaum, der mammutbaum

aprikosenbäume gibt es, liebe ilger, aprikosenbäume gibt es meines wissens hier leider nicht

 

selbst den a&o gibt’s nicht mehr und der metallene müllkübel hängt rostig und schief

 

im columbia der zeitungshalter baumelt einsam und verlassen an der weißen gartenlaterne

 

ach, die villa max steht leer – nur der magnolienbaum davor, 1997 gesetzt „125 jahre villa max“ der blüht

die parkwege, die gibt es noch und die alleenbäume, vogelgezwitscher und bänke dazwischen, den duft von flieder, vereinzelt auch menschen, eher weniger

verkehrslärm und die schulen, die lärmen – ganz entfernt

und zigarettenstummel, wie überall zigarettenstummel

ein bisschen sonne auf nackter haut

 

noch immer da, die bäume, die ihre schweren äste am boden ablegen (der baum, der seine schweren äste am boden ablegt als wäre er zu müde sie noch selbst zu tragen)

und der katsurabaum aus japan, gesetzt 1961, ist älter als ich – aber noch gut erhalten

dotter- nein zitronengelber löwenzahn und gänseblümchen überall und allerorts und ein paar moosbewachsene engelchen stehen herum

der geschlitztblättrige essigbaum hat es sich sowieso gemütlich gemacht – fast alle äste lagert er rundum auf der erde ab – dort dürfen sie weiterwachsen in alle richtungen

(sanft neigt er sich darnieder und breitet gemächlich seine zweige auf der erde aus)

 

die neue therme, ja, die neue therme, das kurhaus, gerade, schlicht und kühl – auf den ersten blick, scheiben, viele scheiben mit grünzeug davor, von grauer eleganz, grau und braun, edel, scharfkantig und kühn, modern mit braun verwitterndem holz versetzt – das wärmt – grün schillernde scheiben verschachtelt, verwinkelt die vielen ecken und kanten braune liegen, weiße schirme, futuristisch modern

der ginkgo biloba von 1925, der steht jetzt nicht mehr frei hinterm zaun – wie einige andere bäume auch

 

und im feldenhaus residieren die fachärzte

gleichenbergs sonderabverkauf – es datiert das jahr 2009

 

glanz und glorie eh. in gleichenberg / anno 2009

 

wie fendrich sagt: „deine hohe zeit ist längst vorüber“

 

im park im wald steht zur not auch noch die rindenkapelle von graf wickenburg – fest verschlossen

 

die fh joanneum – bedächtig, ruhig und unaufgeregt liegt sie in der landschaft – kaum menschen

nur die apotheke, die ist von heute

 

sonne, wolken, regen (kurz und heftig, lang und heftig, ein wenig andauernder, aber dünner, länger) und wind wechseln ab, jeden tag

 

knospender park, verblühte narzissen

 

das thermengebäude mondän, anfangs kühl, wenig einladend, erschließt sich nach und nach, nach jedem betreten mehr, wird wärmer, freundlicher, der kaffee schmeckt gut und die zeitungen, die sind zum lesen im cafe auf der terrasse, der dachterasse, kaum menschen, allein in der sonne sitzen und lesen und kaffee trinken

 

entschleunigung, aus der zeit fallen niemand hetzt hier, niemand hat eile

der mann liegt auf den holzstufen als hätte er alle zeit der welt /lässt die zeit einfach sein

niemand eilt

alles und jede/r hat hier ein gemächliches tempo- auch die autos dürfen nur langsam fahren

 

abgetaucht bin ich hier, tief entschwunden, entronnen dem zirkel/wirbel der zeit

 

kein shopping-bunker weit und breit, ausgeklinkt aus der hektischen zeit, kein neon-glitzer

 

lange schon habe ich niemanden mehr eilen sehen – sowieso nur wenige menschen beim spaziergang im park, auf den bänken sich ausruhend, im kaffeehaus, sitzend, zeitung lesend, sich unterhaltend, die menschen, die arbeiten haben kein anderes tempo als ihre gäste – ein schritt nach dem anderen, ruhig und gemächlich, ruhig und gemächlich, ich habe zeit