Laut, lauter, am lautesten…
oder: vom Genuss der Stille
Heutzutage schwelgen wir nur allzu gerne in kernigen Dezibelsinfonien. Im trauten Heim sei von der singenden elektrischen Zahnbürste, dem brummelnden Wäschetrockner, dem summenden Kühlschrank, dem jaulenden Mixer und ähnlichem praktischen und lärmabgebenden Haushaltsbedarf ganz zu schweigen – da hält sich die Dezibelmenge zumindest noch in Grenzen. Grenzüberschreitend dagegen – auch durchs geschlossene Fenster: der Verkehrslärm. Der nimmt kontinuierlich zu. Jedes noch so kleine Seitengässchen kriegt was ab davon. Auffrisierte Maschinen, Mopeds mit kaputtem Auspuff, dröhnende LKWs, dahinbrausende PKWs. Über unseren Köpfen: gelegentlich ein Flieger, der seine Bahnen zieht. Erwähnt haben wir noch nicht die diversen Baustellen, die sich konstant über Städte, Orte bis hin zum Nachbarhaus erstrecken und mit Presslufthämmern, Bohrern oder anderen ausgefeilten Instrumentarien für unerwartete und bisweilen unerträgliche Klangqualitäten sorgen. Wer braucht da noch einen Tinnitus?
Das Musik- und Werbegedudel in Fitnesscentern, Wellnessanlagen, in Geschäften, im Wartezimmer, beim Friseur, in Gaststätten und in Büros aller Art hat sich ausgebreitet wie ein bösartiger schnellwachsender Virus… selbst Hotelanlagen und Privatpensionen bleiben nicht mehr verschont. Auch die Mitzi-Wirtin weiß heute, dass man die Gäste aus der Stadt mit Musik unterhalten soll. Wo man geht und steht also Lärm, Lärm, und noch mehr Lärm…
Und geben wir es zu, wer hat nicht selbst oftmals im Hintergrund Radio, Fernseher, Internetstreamings laufen, wer stöpselt sich nicht Musik oder Podcasts in die Ohren– als ob Stille etwas Gefährliches, Bedrohliches sei.
Wer auf Dauer hochgradigen Lärm konsumiert, wird schwerhörig, das heißt, er braucht immer mehr Lautstärke, um noch etwas zu hören, also dreht er lauter auf, also wird der Nachbar auch noch schwerhörig. Oder wahnsinnig.
Wenn Weihnachten vor der Tür steht, oder Ostern oder Halloween oder… ist das nicht nur nicht zu übersehen, nein, es ist vor allem auch nicht zu überhören: Die dazu passende Musik steht hoch in Kurs – sie soll das Geschäft anregen, zum Kaufen ermutigen – und weil wir alle irgendwann schon so entnervt sind, kaufen wir dann auch gedankenlos und schnell – damit wir endlich wieder weg können, raus aus der Lärmkulisse. Kein Geschäft, das Geschäfte machen will, kommt daran vorbei. Meint man.
Was aber machen die Menschen, denen der Lärm zu viel wird? Die keine Musikberieselung auf Schritt und Tritt wünschen. Die auch ohne Presslufthämmer ganz gut leben können. Die nicht schwerhörig sind. Sondern vielleicht sogar noch besonders hellhörig. Die Stille lieben. Und brauchen. Um abschalten, zu sich kommen zu können. Um die eigene innere Stimme zu hören, die uns sagt, was wir brauchen und was nicht. Im allgemeinen Gedudel der Zeit wird unsere Stimme allzu sehr übertönt. Und Geschäftemacher, Heilsbringer, Parolendrescher und Scharlatane haben einfaches Spiel. Wenn die Stimmen von außen lauter werden als die eigene innere – dann lässt es sich leicht manipulieren und suggerieren…
Daher meine leise Bitte: schaltet gelegentlich den Lärm ab und genießt die Stille! Manche Menschen betreten ein Geschäft, ein Kaffeehaus oder eine Freizeitanlage viel lieber und länger und mit mehr Genuss, wenn in Ruhe (!) gestöbert, geplaudert, gelesen, gestrampelt oder sauniert kann. Denn: Um die Presslufthammer-Baustellen kommen wir ohnehin nicht drumherum.