Essay, Kolumne

Mir träumt…

Ich liege im Bett und träume. Von meinem Leben als Schriftstellerin. Ich arbeite zuhause und da, wo es mir gefällt – am Meer unter Zypressen und Olivenbäumen, im gemütlichen Retro-Café, ein Glas Wasser, irgendwas zum Knabbern neben mir, im Zug auf der Fahrt zum nächsten Reiseziel (wohin es mich wohl diesmal verschlagen wird?).
Dann wache ich auf, springe aus dem Bett und stürze mich in meinen Alltag. Arbeit, Haushalt, Anrufe, Emails, Termine, kaputte Waschmaschine, Bananen einkaufen, Friseurtermin ausmachen…
Ich sitze beim Tisch im Wohnzimmer, die Füße am Stuhl gegenüber, erschöpft, es war ein langer Tag, ich schlürfe grünen Tee und denke nach. Wann ich schreiben könnte. Was ich schreiben könnte. Und immer auch: wozu?
Ich lese viel. Schreibratgeber. Bücher über das Schreiben. Geschichten über das Leben von Schriftstellerinnen. Ich schmökere in Schreibblogs und lasse mir wöchentlich Newsletter schicken – mit Anregungen, Ideen, einer Extraportion Motivation. Gefällt mir gut. Genauso will ich es machen. Ich kenne die Tricks. Ich weiß um die Bedeutung von kleinen Schritten. Herabgeschraubten Erwartungen. Die Wichtigkeit der Alltäglichkeiten. Kenne die Hürden, wenn man Gewohnheiten ändern, neue aufbauen will. Den inneren Schweinehund, wie man ihn an die Leine legt. Jaja, weiß ich alles. Theoretisch…
Sonntagabend: ich plane die Woche. Wann muss was unbedingt erledigt werden? Welche Dinge warten schon seit Wochen auf der do-to-list und wollen endlich – dringend – abgearbeitet werden? Wer will was? Und wann? Und: wann könnte ich dazwischen ein paar Minuten reinquetschen und ein paar Zeilen schreiben? Es muss ja nicht viel sein. Wie bei allem, ich weiß ja, die Regelmäßigkeit, das Dranbleiben macht’s aus. Jeden Tag nur eine Viertelstunde. Das wären immerhin fast 2 Stunden in der Woche. Da sollte sich schon ein Text ausgehen, eine Kurzgeschichte, zumindest der Entwurf. Oder später das Überarbeiten, korrigieren, kürzen. Ich habe unzählige Entwürfe herumliegen. Früher am Papier, mittlerweile nur noch auf PC und externen Festplatten gespeichert. Jeden Tag zehn Minuten an einem Entwurf herumbasteln. Fortsetzen. Abschließen. Ergänzen. Überarbeiten. Verwerfen. Dranbleiben eben. Das wär´s. Das sollte doch zu schaffen sein…
Tue ich das? Nein! Ich denke viel darüber nach, dass ich es tun könnte. Ich nehme mir vor: Wenn die Wohnung geputzt ist, wenn der größte Stress vorbei ist, wenn ich alle Termine erledigt habe. Morgen. Oder Übermorgen. Nächste Woche dann. Dann aber sicher. Dann starte ich endlich durch. Dann bleibe ich dran. Dann schreibe ich. Täglich. Und es wird täglich mehr werden. Und ich werde gar nicht mehr aufhören wollen. Ich werde Bücher schreiben, täglich ein Gedicht, jede Woche eine Erzählung, dazwischen Miniaturen, Protokolle, Essays, Reiseberichte…
Aber jetzt im Moment geht es gerade noch nicht. Ich muss meinen Schreibtisch putzen. Und vorher aufräumen. Und der Schreibtischsessel quietscht auch schon ewig, das sollte ich mal abstellen. Dann könnte ich ihn auch gleich ein wenig putzen. Hat schon bessere Tage gesehen. Oder gleich einen neuen kaufen? Okay, eins ach dem anderen. Und wenn ich dann fertig bin, dann setze ich mich in Ruhe hin und fang an zu schreiben. Ehrlich! Versprochen!