Wie ich zur Gärtnerin wurde
Ich lebe in einer mittelgroßen Stadt. In einer kleinen Stadtwohnung. Mit Balkon. Aber ohne Garten. Das heißt, ich habe keinen eigenen Garten. Aber einen überschaubaren kleinen Park vor meinem Fenster. Der Park gehört zu unserem Wohnhaus. Da ist ein bisschen Wiese und da sind ein paar hohe Bäume, über das Grundstück verteilt. Direkt vor meinem Balkon eine Birke. Sie ragt weit über mich hinaus in den Himmel. Auf den Bäumen tummeln sich Spatzen und Krähen, Amseln, Tauben, gelegentlich ein Specht und andere Vögel, die ich nicht alle mit Namen kenne. Gelegentlich huscht ein Eichhörnchen den Stamm rauf oder runter. Und wenn es windig ist, höre die Blätter rauschen von meinen Bäumen. Ich liebe meine Bäume. Mit ihrem grünen Dach. Den sich wiegenden Ästen. Dem dicken, unverwüstlichen Stamm, der weitläufig und schwer in der Erde verwurzelt ist. Auf dem Rasenfleckchen unten vor meiner Wohnung wachsen Büsche und Sträucher. Wilde Rosen.
Und dann gibt es da ein kleines längliches Beet. Meine Nachbarin von nebenan hatte es vor sehr langer Zeit angelegt und liebevoll gepflegt. Nach ihrem Tod hat sich keiner mehr um das Beet gekümmert. Es ist verwahrlost, von Unkraut zugewuchert. Und so habe ich eines Tages beschlossen, Gärtnerin zu werden. Ich habe mich des Beetes angenommen. Als Städterin, die von Gärten und deren Pflege keine Ahnung hat. Ein Kräutergarten schwebte mir also vor. Auf der einen Seite des langgestreckten Beetes wächst eine Hortensie. Daneben eine Pfingstrose. Zwar mittlerweile etwas eng aneinandergeschmiegt, aber sie scheinen einander gewähren zu lassen. Die Hortensie stammt von der Nachbarin unter mir, die ebenfalls bereits verstorben ist. Und so sind die beiden mir erhalten geblieben, die Hortensie mit ihren lebensfrohen pinkfarbenen Blüten und die Pfingstrose, die im Juni ihre großen weißen Köpfe schwer hängen lässt und immer aufgebunden werden will. Daneben habe ich eine Pfefferminze gepflanzt, die auf meinem Balkon ein nur kümmerliches Dasein gefristet hatte. Nun darf sie sich ausbreiten. Und mittlerweile wachsen da noch Rosmarin und Lavendel, Salbei, Katzenminze, Oregano und Thymian. Ein buntes Gartenpotpourri, das Herz und Sinn erfreut. So also bin ich zur Gärtnerin geworden.


