Zweiter Anlauf
Beim ersten Mal habe ich aufgegeben. Beim zweiten Mal habe ich mich dann getraut – und habe es nie bereut. Mein beruflicher Werdegang war von Anfang an scheckig und bunt. Ewig lange studiert (Psychologie, Physiologie, ein paar Semester Medizin), in allen möglichen Bereichen gejobbt nebenbei, als Kindermädchen, Haushaltshilfe, in der Gastronomie, bei Umfragen, Volkszählungen. Irgendwann und irgendwie bin ich dabei schließlich in meinem Lieblingsmetier gelandet, dem Journalismus. Ich habe studiert, weil es mich interessiert hat und ich habe als freie Journalistin gearbeitet, um mir mein Studentenleben zu finanzieren – und weil es mir Spaß gemacht hat. Hat gut geklappt. Über Jahre hinweg. Dann, nach Studienende, mit knapp 30, also ziemlich spät, war klar: jetzt wird es ernst. Ab ins richtige Berufsleben – was auch immer das sein sollte. Auf jeden Fall nicht mehr nur nach Lust und Laune als Freie arbeiten, sondern ernsthaft Karriere machen. Fixe Anstellung, Flausen raus aus dem Kopf, Sicherheit rein und marsch… als frisch gebackene Psychologin und Journalistin freiberuflich arbeiten, in einem kleinen Städtchen wie dem meinen – unmöglich, davon kann man nicht leben. Das haben auch hartgesottene Journalisten und Existenzprofis klargestellt. Eine Anstellung musste her. Die fand sich auch, im Psychologiebereich – 40 Stunden reglementierte Arbeitswoche, fixe Zeiten, fünf Wochen Urlaub im Jahr, kommen und gehen mit der Stechuhr – und ich todunglücklich. Mit Wehmut habe ich mein Selbständigendasein hinter mir gelassen. Aber die Angst war zu groß, die Vernunft zu laut – was, wenn ich es nicht schaffe? Mein weiterer Weg: durch diverse Anstellungen hindurch, mal mehr als Psychologin, mal mehr als Schreiberin, immer mit einem Auge nach der Selbstständigkeit schielend. Schließlich, 2002, riskiere ich wieder einen Schritt in die Richtung, in die es mich so sehnsüchtig zieht: halbtags angestellt, halbtags frei – so mein Kompromiss. Ein bisserl was für die Sicherheit, ein bisserl was für die Freiheit. Für ein paar Jahre okay. Bis auch das irgendwann nicht mehr ging. Der Spagat wurde immer ungemütlicher. Der Halbtagsjob immer lästiger. Müde und erschöpft aus dem Angestelltenbüro raus… mit Freude und Leichtigkeit in meinen zweiten, freien Arbeitsalltag hinein. Der Gedanke wurde immer lauter: Probier es! Riskier es! Und das habe ich dann auch. 2006, mit 42 habe ich nach langem hin und her, viel zaudern und zögern, vielen Gesprächen, Berechnungen und Planungen Sicherheit und Fixanstellung hinter mir gelassen und bin endgültig in die Selbständigkeit gegangen. Bis zum letzten Angestellten-Arbeitstag hatte ich Angst und Zweifel, danach war da nur mehr Erleichterung. Nie mehr die leiseste Unsicherheit. Ich habe es bis heute nie bereut. Ich habe nicht rasend viel, aber immer genug verdient bisher, ich arbeite zum Teil als Psychologin in freier Praxis, zum Teil als freie Journalistin. Ich suche mir meine Aufträge, mein Klienten weitestgehend selber aus, ich gestalte mir meinen Berufsalltag selbst, teile mir Zeit und Arbeit ein, wie es für mich passt, gönne mir Lob und Anerkennung, Pausen und Freizeit, mäkle manchmal an mir herum wie ein launischer Chef, aber ich bin zu 100 % zufrieden mit meiner Arbeit und glücklich mit meiner Entscheidung – sie war goldrichtig.


