Essay, Kolumne

Ich sitz das nicht durch …

In unserer Gesellschaft ist es üblich ruhig auf einem Sessel zu sitzen. Eh klar. Bloß – wer hat das erfunden? Denn das war in der Menschheitsgeschichte eindeutig nicht immer so.

Es gibt ja eine immense Palette an Phänomenen bei ADHSler*innen. Ein sehr offensichtliches davon ist das nicht-stillsitzen-können. Das überhaupt-nicht-lange-sitzen-können. Das auf-keinen-Fall-auf-einem-Stuhl-und-beiden-Füssen-am-Boden-ruhig-sitzen-können. Was für eine Qual. Wer hat sich das nur ausgedacht?

Bevor es nämlich Stühle gab (und die gibt es noch nicht so lange) saßen, lagen oder lümmelten die Menschen am Boden herum, hockten auf Felsen, Baumstämmen oder was sonst so herumlag. Manche nutzten den Schneidersitz, Fersensitz und diverse andere Haltungen. Je nach Bedarf und Bedürfnissen. Man konnte seine Position ja jederzeit ändern, anpassen… in Bewegung bleiben.

Erste Stühle tauchten wohl schon im alten Ägypten auf – die waren jedoch ausschließlich den Herrschenden vorbehalten – mehr eine Demonstration von Macht und Autorität. Der einfache Mensch saß weiterhin am Boden.

Bis ins Mittelalter waren Stühle eher selten und reiner Luxus. Sie zeugten weiterhin von sozialem Rang und Status. Je höher und üppiger der Stuhl, sprich Thron, desto bedeutsamer der darauf Sitzende. Alle anderen durften ihm zu Füssen liegen (was durchaus die bequemere Haltung gewesen sein könnte).

Doch wie so oft… was die Herrscher haben, das wollen früher oder später alle haben. Wer sich hinaufarbeiten konnte, konnte das mit seinen Stühlen bezeugen. Und im Zuge der Industrialisierung wurden Stühle mit einem Mal günstig und in großen Mengen produziert – juhu, jetzt wollten wirklich alle teilhaben an diesem „Luxusgut“.

Das Sitzmöbel war im bürgerlichen Haushalt angekommen.

Wer behauptet, dass ADHS-Menschen eher mit den früheren Jägern und Sammlern verwandt sind, den Nomaden und Herumziehenden, während die (Be-)Sitzenden zu Sesshaften geworden sind… der*die könnte vielleicht recht haben. Sessel und derartige Sitzgelegenheiten haben sich erst im Zuge der Sesshaftigkeit entwickelt. Ich fühle mich tatsächlich oft noch mehr dem Typ der Jägerin verwandt, das nomadenhafte gefällt mir. In dem Sinn, dass ich über lange Jahre Wohnorte, Jobs, Hobbies, Lebensformen oft und ausgiebig gewechselt habe. Auch wenn mich manchmal Antriebslosigkeit und Erschöpfung in die Knie zwangen. Man muss nicht mit dem Flieger um die Welt reisen um als Nomade zu gelten. Man kann auch in seinem Umfeld, in der näheren Umgebung, in Seelenwelten unterwegs sein, in verschiedensten Lebenswelten. Immer auf der Suche nach Neuem, Entdeckenswertem. Nur nicht stillsitzen.

„Obwohl sich das Sitzen auf Stühlen zu einer bevorzugten Haltung entwickelt hat, ist es erst eine Hälfte der Menschheit, die heute auf Stühlen sitzt. Die Differenz zwischen dem allgemeinen Sitzen und dem besonderen Sitzen auf Stühlen liegt darin, dass das formlose Sitzen wie die unterschiedlichen Weisen des Kauerns, Kniens oder Hockens eine selbstgenügsame Haltung ist, die von ihrer inneren Struktur her nicht auf Macht und Ordnung ausgerichtet ist. Auch das meditative Lotussitzens ist eher ein genügsames Lassen als ein besetzendes und unterwerfendes Tun…“ (Hajo Eickhoff 1995 aus: Vom Menschen Handbuch Historische Anthropologie. Chr. Wulf (Hg.), Weinheim 1995 Geschichte des Sitzens)

Tatsache ist: unsere Gesellschaft hat gelernt auf Stühlen zu sitzen. In der Schule fängt es an, zieht sich weiter durch Ausbildungen und Beruf. Unsere Arbeitsplätze sind mehr und mehr zu „Sitzplätzen“ geworden. Im Lokal, im Konzert, beim Meeting, beim Arzt/der Ärztin, im Auto, im Bus, beim Essen, scrollen, netflixen – überall wird gesessen. Und zwar oft steif und unbequem auf (harten) Stühlen. Brav die Füße am Boden. Zur Not gilt noch das Überschlagen der Beine als akzeptabel. Männer dürfen sich da ein wenig mehr erlauben, sie dürfen breitbeinig sitzen und sich auch mal bewegen. Aber zappeln gilt nicht.

Evolutionsgeschichtlich ist Sitzen auf Stühlen eher eine Zwangshaltung, die dem Menschen gar nicht so bekömmlich ist: Zu langes Sitzen ist nämlich keineswegs gesund, sondern zählt vielmehr bereits zu den entscheidendsten Risikofaktoren für einige Krankheiten. Wissenschaft und Forschung zeigen mittlerweile, welche gesundheitlichen Gefahren langfristig vom stundenlangen Sitzen ausgehen. Verkürzte, geschwächte Muskeln, Verspannungen, Rückenschmerzen, Haltungsschäden auf der einen Seite, erhöhtes Risiko für Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen usw. auf der anderen Seite. Selbst Stoffwechsel, Atmung und Immunsystem sind betroffen.

Trotz allem die Tendenz zum Sitzen: steigend.

Wir zwingen uns nach wie vor auf Sessel und Stühle und verharren möglichst unbewegt – ein Zeichen guter Sitten und Bräuche??? Gewohnheit? Faulheit? Norm?

Kein Wunder, dass ADHS-Kinder und -Jugendliche und -Erwachsene häufig auffallen – sie haben den (vermutlich sehr gesunden) Drang sich zu bewegen und nicht stundenlang still zu sitzen. Sie ändern oft und gerne ihre Sitzposition, bewegen sich zwischendurch, schaukeln, wippen oder bringen ihren Körper anders aus der ungesunden Starre.

Die Forschung zeigt, dass bei ADHS kontinuierliche kleine Bewegungen die Aufmerksamkeitssteuerung deutlich stabilisieren können. Körperliche Aktivität verbessert die Exekutivfunktionen – Bewegung während man kognitive Aufgaben erfüllt kann Leistungsvorteile bringen. Also lernen beim Gehen. Und das gilt sicher nicht nur bei ADHSler*innen.

Während ich diesen Text (auf mehrere Etappen) schreibe, bin ich irgendwie dauernd in Bewegung. Mal im Schneidersitz, mal mit einem Bein am Stuhl, mal stehe ich auf – ich wechsle ständig meine Sitzposition. Ganz automatisch. Mittlerweile habe ich mir auch einen Wackelhocker zugelegt, der ebenso oft zum Einsatz kommt. Und manchmal stehe ich mit meinem Laptop beim Küchenbord, das hoch genug ist, um nicht sitzen zu müssen.

Alles, nur nicht steif und starr auf Stühlen sitzen – das sitz ich nämlich nicht durch.

Meine Lebenshaltung vielmehr: nur nicht sitzen bleiben!

 

p.s. Im Netz finde ich auf die Schnelle noch eine Reportage von Lars Graue im ZEITmagazin (August 2025): Sitzen als Gesundheitsrisiko: Sitzen ist ungesund. Was passiert, wenn man damit aufhört? | ZEITmagazin  „Martin Oswald ist 73, drahtig, beweglich, agil – und versucht seit 25 Jahren, Sitzen aus seinem Leben zu verbannen. Dafür hat der Arzt sogar ein stuhlfreies Haus gebaut.“