Essay, Kolumne

Auswege & Ängste

Menschen gefangen oftmals in der Welt ihrer Vorstellungen und Ängste, egal wie frei und weit die restliche Welt auch sein mag. Die Tür ist offen, man könnte vielleicht ein paar Schritte gehen, nur den ersten setzen, dann den zweiten, den dritten, jedes Tempo kann recht sein… Vielfach aber verharren wir eher, glauben uns gefangen in den Umständen, nicht zu ändern, 1000 Gründe und einen mehr gibt es, damit alles so bleiben kann und soll, wie es ist. Besser das bekannte, das vertraute Unglück, der Schmerz, mit dem man zu leben gelernt hat… als die unbekannte Freiheit, das neue, nicht vorhersehbare, nicht kontrollierbare… Glück? Ja, Glück könnte es geben, aber was, wenn es noch mehr Unglück gibt? Was, wenn alles nur noch schlimmer wird? Wenn ich den faden Job kündige – und dann in die Obdachlosigkeit rutsche? Wenn ich die Beziehung beende – und dann für immer und ewig allein bleibe? Dem Freund die Meinung sage, Nein sage – und er mir die Freundschaft aufkündigt sodann? Wenn ich mich beim neuen Sport verletze, wenn das Date in die Hose geht, wenn, ja wenn… So bleiben wir lieber im vertrauten Unglück. Erstarren. Nicht mal ausprobieren, nicht mal dran denken, keine Lösungsmöglichkeit in Betracht ziehen. Stets gibt es ein aber, das stärker ist. Lieber leiden und jammern und lamentieren, den anderen erzählen vom eigenen Unglück, wie es unabwendbar ist, wie man es trägt, wie ein paar alte Schuhe, die kaputt sind und schmerzen zwar, aber doch die eigenen… Selbst das Leid gibt man nicht gern her, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat. Darf ich daran überhaupt etwas ändern? Sich selbst quälen und geißeln, wo haben wir das gelernt? So viel Schuldgefühl, Scham – wir leiden zwar, aber besser, besser gehen darf es uns in Wirklichkeit auch nicht. Natürlich beneiden wir die anderen, die, die anscheinend mehr Glück hatten, die, denen es besser geht, gut geht, die, die auf die Butterseite des Lebens gefallen sind. Die, die immer Glück haben… Welche Ungerechtigkeit!

Welch ein kolossaler Irrtum!

Zum Glück muss man bereit sein. Für ein gutes Leben muss man sich auch entscheiden. Es ist das eigene Ringen und Entscheiden, das zählt. Ein bewusstes sich dafür einsetzen und alles daransetzen, es ist ein Wagnis und eine ständige Eroberung, raus in die Welt, ins neue Leben. Altes loslassen, Schnitte setzen, zu seinem Denken und Fühlen stehen. Sich seine eigene Meinung bilden. Es setzt Erkennen voraus und Mut. Die Komfortzone, die geliebte verlassen und raus ziehen in die Welt. Die manchmal ohnehin schon vor der Haustür beginnt.

Verharren also in alten, vertrauten Ängsten oder aufbrechen in neue Welten – voller Hoffnung, voller Vertrauen … in das Leben, in sich selbst. Unsere Entscheidung. Die jede und jeder nur für sich selbst treffen kann. Und das ist das Schwerste – denn manchmal sind die Auswege nur im Kopf versperrt!