REISEN
Sand. Feiner, weicher, eierschalenfarbener Sand. Endloser Horizont vor mir. Und ganz wenige Farben. Nur Sandstrand so weit das Auge reicht – nahtlos in wolkiges Himmelsblau übergehend. Der Schatten der Möwe über mir. Sie landet, eine Armlänge entfernt. Wir beobachten uns – minutenlang. Reglos. Schweigend. Dann breitet sie ihre Flügel aus, hebt ab und lässt sich vom Wind davontragen. Eine seltene, kostbare Begegnung. Es ist knapp nach Mittag. Obwohl heute die Sonne ausnahmsweise kräftig strahlt, der Wind ist kräftiger. Haare, Jacken, Taschen, alles zieht und zerrt davon. Der Sandboden ist warm genug, um da zu sitzen, die Luft aber kühl, nur mit Pulli und Jacke und Tuch um den Hals gut auszuhalten. Aber dieser Anblick, diese Farben, diese Ruhe – ich lasse mich fallen, löse mich auf in dieser Landschaft, versinke im Sand, die weitläufigen Dünen hinter mir.
Auf Reisen. Der Beginn ist stets gleich. Knapp bevor ich aufbreche, noch eingebunden in unzählige Alltagspflichten, der Gedanke wegzufahren scheint nahezu absurd. Wozu? Dann die Nervosität, die langsam aus dem Bauch nach oben kriecht, ein Hauch von Vorfreude, überlagert von unsinnigen Ängsten – habe ich nichts vergessen? wird alles gut gehen? sind Pflanzen, Tiere, Haus gut versorgt? werde ich jemals wieder zurückkommen? habe ich alles bedacht? und: warum tue ich mir das immer wieder an?
Die Möwe ist neugierig. Sie kommt abermals angeflogen, schattenwerfend erkenne ich sie. Sie landet knapp hinter mir, keine Sekunde den Blick von mir lassend. Sie tänzelt um mich herum, verschwindet im silbriggrünen Dünengras. Ich spüre, dass sie mich weiterhin beobachtet. Der Wind treibt den Sand vor sich her. Schuhe, Hose, Haare, eine feine Sandschicht hat sich unauffällig über alles gelegt. Zarter, hellgelb-ocker-braun gesprenkelter Kniepsand. Weich und warm.
Dann der Startschuss, es geht los. Abreise. Mit Sack und Pack verlasse ich mein Zuhause und setze mich in Bewegung. Mit Bus, Bahn, Flieger, Schiff. Manchmal auch mit dem Auto. Lieber aber lasse ich mich befördern. Es ist angenehm, sich in ein vorbereitetes Abteil, einen Sitz sinken zu lassen, seine Aufmerksamkeit auf alles rings um richten zu können, ohne sich um Abzweigungen, Ampeln, Autobahnauffahrten oder andere Verkehrsteilnehmer kümmern zu müssen. Die Vorarbeit ist schon daheim geschehen. Da habe ich recherchiert, Flug- Bus- Zugpläne studiert, habe Karten reserviert, Zeiten abgestimmt, alles organisiert. Wenn es dann soweit ist, kann ich mich entspannt zurücklehnen. Ich lasse mich ans Ziel bringen. Das machen andere für mich. Ich dagegen gebe mich den neuen, ungewohnten Eindrücken hin – das ist der erste, sehr wesentliche Teil meiner Reise. In Bewegung kommen. Mit vielen Stehzeiten dazwischen. Das ist gut so. Zeit anzukommen am jeweiligen Zwischenort. Sich neu orientieren. Einstellen auf den nächsten Bus, Zug, Flieger, das Schiff. Herumrennen, den richtigen Schalter finden, Fahrpläne checken, Gepäck sicher verwahren – ich bin gefordert genug. Und immer noch viel zu fasziniert von den fremden Eindrücken, als dass ich, wie das viele Reisende tun, irgendwo sitzen und gelangweilt ein Buch lesen, in einer Zeitschrift blättern könnte, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich will die Zeit nicht vertreiben. Ich will sie bewusst wahrnehmen. Es gibt so vieles zu schauen, die fremden Gerüche, das Gewirr von Menschen. Ein Stimmenpanoptikum, Ansagen, Lautsprecher, Radios, die vor sich hin dudeln – abtauchen in andere Welten, Übergangswelten. Die Bahnhöfe, Flugplätze, Wartehallen sind Übergangsbiotope. Hier kommen Menschen aus allen Ecken dieser Erde zusammen, die italienische Familie dort, die laut gestikuliert, alle schreien durcheinander. Das ältere Pärchen – klein, dunkelhäutig, faltig, ernst. Sie sitzen einander gegenüber, entfernt, als würden sie nicht zusammengehören und doch spürt man die unsichtbare Verbindung, die sie im Raum zwischen sich aufgespannt haben. Der junge Mann, der mich bittet, kurz auf sein Gepäck aufzupassen, er spricht deutsch wie ich. Das Pärchen dort, eng aneinandergeschmiegt, unterhält sich leise auf Englisch. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr, er lacht, sagt ein paar Worte, küsst sie dann wieder. Und so weiter.
Eine bunt zusammengewürfelte Schar, völlig wahllos, in genau dieser momentanen Zusammensetzung aber einzigartig. Für einen kurzen Moment, Minuten, ein paar Stunden vielleicht, kreuzen sich hier die Wege dieser Menschen. Meist laufen sie blicklos aneinander vorbei, manchmal finden sich zwei oder mehrere in einem Gespräch, tauschen Blicke und manchmal haben sich an diesem Ort vielleicht auch Menschen gefunden, haben Beziehungen hier ihren Anfang genommen – und manchmal wohl auch ihr Ende.
Ich beobachte die Menschen, die hier unterwegs sind. Herkunft, Alter, Kultur, Bildungsstand, Beruf, Schicksale, Lebenswege – alles trifft hier zusammenhangslos aufeinander. Und spielt keine Rolle. Wichtig ist, den nächsten Flieger zu erwischen, den Bus nicht zu versäumen, einen guten Platz im Zug oder am Schiff zu ergattern.
Die Möwe ist mehr als keck. Sie hat ihre Verwandten organisiert, die sich jetzt anwechselnd über meinem Kopf treiben, sich neben mir niederlassen, kurz quieken, herumtänzeln, mich neugierig beäugen, wieder abheben. Sie kommen wohl alle um mich aus nächster Nähe zu besichtigen und zu sehen, ob da nicht irgendeine Leckerei für sie zu holen ist.
Irgendwann Ankunft. Am Ziel meiner Reise. Das Ziel ist der nächste Anfang. Ich suche meine Unterkunft, bekomme mein Zimmer zugewiesen. Eine mehr oder weniger genaue Einführung in die Gepflogenheiten des jeweiligen Hauses, mir wird mein Zimmerschlüssel oder die SchlüsselCard ausgehändigt – und dann bin ich wieder mit mir allein. Stehe da mit Sack und Pack in einem fremden Zimmer, das mir erstmal angenehm, weniger angenehm oder manchmal auch abschreckend erscheint. Das ist oft der Moment, wo ich mich kurz unwohl fühle, entwurzelt – was tue ich da eigentlich? Es ist so schön daheim, warum muss ich hier in einem anonymen Zimmer landen, das oftmals eher geschmacklos eingerichtet ist, mit den ewig gleichen Bildern an den Wänden, die in irgendeiner Art und Weise auf altmodisch, ungelenke Art die nähere Umgebung, irgendwelche Sehenswürdigkeiten zeigen – mal als veraltetes Foto, mal als Aquarell eines unbekannten Malers. Ich öffne das Fenster, trete auf den Balkon, versuche mir einen groben Überblick über die nähere Umgebung zu verschaffen. Wohin geht der Blick? Ich atme die Luft ein, lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Zurück ins Zimmer, Koffer auf, Tasche auf, auspacken, Sachen verstauen. Oft, sehr oft räume ich auch gleich das Zimmer um. Verschiebe das Bett (näher zum Fenster), stelle den Tisch um (näher zum Bett), rücke den Fernseher möglichst weit weg. Ich richte mich ein, baue mir mein Nest. Das Bett ist meist zentraler Sammelplatz bei mir. Hier landen Bücher, Zeitschriften, Pläne, Schreibzeug, Laptop, Handy, alles in unmittelbarer Griffweite. Wenn ich am Zimmer bin, dann lese, esse, schreibe, träume und telefoniere ich hier im Bett. Das ist dann meine Kuschelhöhle, mein Hafen, mein Rückzugsort.
Ich habe den Strand verlassen. Der Hunger treibt mich weiter. In ein Lokal, ein paar 100 Meter entfernt. Ich suche mir einen Platz im Gastgarten, im Halbschatten und studiere die Speisekarte.
Reisen verändert den Menschen. Man kommt niemals als derselbe zurück. Die neuen Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen brennen sich in der Seele fest, verankern sich in Kopf und Körper – unauslöschlich. Ich nehme meine Erinnerungen mit nach Hause. Kleine und große Souvenirs, die meinen Blick auf die Welt, auf mich selbst verändert haben.
In den ersten Tagen bewege ich mich noch ein wenig unsicher, verloren fast. Manchmal plagt mich noch kurzzeitig das Heimweh. Ich organisiere mir Karten, Pläne, Prospekte und mache mich auf, um erst mal die nähere Umgebung zu erkunden. Was spielt sich ab vor meinem Fenster, welche Strasse führt wohin. Ich ergehe mir am liebsten das neue Terrain, suche Wege, finde kleine Gassen, meine Sinne arbeiten auf Hochtouren. Geräusche, Gerüche, der Wind auf der Haut, das Lachen der Sonne in den blinzelnden Augen, Farben, Formen. Ich sauge die neuen Eindrücke geradezu in mich auf.
Nachmittags spaziere ich durch die Dünen. Kleine bewachsene Hügel, Vogelgeschrei, herumhoppelnde Kaninchen. Das Wetter ändert sich laufend – von windstill, sonnig, heiß zu bewölkt mit starken Windböen, rabenschwarzen Wolken, Regen, Sonnenstrahlen, die sich ihren Platz zwischen den Wolken zurückerobern, sofort trocknen, was zuvor noch regennass. Ich gehe und gehe. Der Kopf wird frei, fängt an zu atmen, irgendwann verliert sich auch der letzte Gedanke, treibt davon und dann ist da mit einem Mal unendlich viel Raum, Weite, das Gefühl die Schwingen ausbreiten und abheben zu können.
Die Armbänder der Friseurin klirren sachte gegen den Rand des Waschbeckens. Mit geübten Bewegungen massiert sie mir Schampon ins Haar. Der Radio dudelt vor sich hin. Ich bin die einzige Kundin hier in diesem winzigen Laden. Eine knarrende Holzstiege hoch, altmodische Bestuhlung im Retro-look, die großen Spiegel, ein wenig Zauber alter Zeiten. Ich sitze beim Inselfriseur, rieche den Duft von Schampon, Haarspray, Pflegeprodukten. Das ist es, was ich liebe auf Reisen. In den Alltag des jeweiligen Ortes abtauchen zu können. Ich laufe so lange die Straßen entlang, bis ich mich hier heimisch fühle. Ich trinke meinen Kaffee dort, wo die Bewohner selbst ihn trinken. Ich gehe hier zum Friseur, zum Bäcker, in Ausstellungen, alles, was ich daheim auch mache. Während der paar Wochen, die ich vor vielen Jahren in der Schweiz, in Zürich und Dübendorf verbracht habe, habe ich sogar extra ein Konto angelegt. Ich laufe durch die Straßen, die mir allmählich vertraut werden, und manchmal werde ich, die Fremde, von Touristen angesprochen, die mich nach dem Weg fragen. Leben in der Welt der anderen. Für einen Moment die Welt mit ihren Augen sehen. Mir einen Alltag vorstellen, wie er hier ablaufen könnte. Das ist Reisen für mich. Ich bin keine klassische Touristin. Für die üblichen Sehenswürdigkeiten habe ich wenig übrig. Das ganze Programm – Rundfahrten, Führungen, Erklärungen, Besichtigungen, fein säuberlich auf den Touristenstrom abgestimmt, es langweilt mich schnell. Ich mag eine Kirche, einen Leuchtturm, ein altes Gebäude, verlassene Häuser, Stätten gerne mit eigenen Sinnen wahrnehmen, unbeeinträchtigt von fremden Urteilen selber erforschen. Es interessiert mich weniger der geschichtliche Hintergrund mit all seinen Jahreszahlen – wann erbaut und von wem und warum, Zahlen, Daten, Fakten, die ganze Geschichte in kürzester Zeit in geballter Ladung serviert und meist sofort wieder vergessen, nein ich will selber sehen und durch Räume spazieren, die Farben wahrnehmen, die lose verblassten, abblätternden Schichten, den Geruch, würzig, modrig, salzig, süßlich, faulig, ich will hören, was der jeweilige Ort zu sagen hat – durch das Geschwätz und Geschrei von Touristen und ihren Führern hindurch. Ich liebe es, einfach durch die Gegend zu laufen. Wohin es mich eben treibt. Gelegentlich lese ich nach, was auf einer Informationstafel, einem Informationsblatt steht. Natürlich überfliege ich Prospekte, Pläne, Touristeninfos, Folder, beiße mich in einem Reiseführer fest, dann und wann. Aber ich muss nicht bis ins kleinste Detail wissen, was war – vor 100, 1000 oder mehr Jahren – ich will wissen, was ist. Hier und jetzt und heute.
Es hat geregnet in der Nacht. Der Morgen ist frisch und wolkenverhangen, ein blassblauer Himmel, noch unentschlossen. Die Luft saugt sich von selbst in die Lungen, klar und rein. Gegen Mittag dann reißen die Wolken auf, die Farben kommen hervor. Das Rot der Häuser, das Weiß der kleinen Holzzäune, der Tische, das Blau und Grün der Fensterläden, Stühle, Strandkörbe, das Gelb, das Helle des Strandes. Das morgendliche Vogelgeschrei hat sich gelegt. Ich sitze in meinem Lieblings Café, der Chef hat mir bereits meinen Kaffee und ein Stück Kuchen serviert – ich liebe Gewohnheiten, in denen man sich verankern kann, die Halt geben, Struktur in einem strukturlosen Tag, in dieser endlosen Weite, den ewigen Veränderungen, die Reisen, die das Leben eben ausmachen. Menschen ziehen vorüber. Manche lassen sich nieder, bestellen Getränke, Kuchen, rauchen, reden, stehen auf, gehen weiter. Manchmal erhasche ich Gesprächsfetzen, verstehe, dass es sich hier um Paare handelt, frisch verliebte oder auch schon am Ende ihrer Gemeinschaft stehend. Familien, die Zuneigung, Geborgenheit ausstrahlen und andere, die erstarrt sind in ihren Beziehungen. Erkaltet. Ernste Blicke, traurige, dazwischen Kinderlachen, Vogelgeschrei, die Worte der Kellnerin. Jugendliche, die kichern und kudern, Geheimnisse austauschen und wie wild auf ihren Handys herumhacken. Es gibt so viel zu schauen, zu beobachten, wahrzunehmen – ich brauche keine gut einstudierten Vorträge über die Geschichte des Landes oder jeweiligen Gebäudes. Ein paar wenige Daten genügen mir. Ich suche mir heraus, was für mich wichtig ist.
Wieder am Strand. Die Zehen im Sand vergraben. Vor mir Sand, endloser Sand, himmelblauer Himmel und sandfarbener Sand. Der durch die Finger rieselt. Ich liege am Bauch wie ein Käfer, alle viere von mir gestreckt. Die Sonne wärmt heute ein wenig mehr, die Luft ist noch immer kühl, der Wind streicht zart über die Haut. Ich möchte ewig so liegenbleiben. Der letzte Rest meines früheren Lebens, meines Alltags, der sich noch im Kopf festgekrallt hat, er driftet allmählich davon. Letzte Erinnerungsfetzen reißen sich los und treiben gen Himmel. Wie Luftballons werden sie kleiner und unbedeutender, bis sie endgültig verschwunden sind, einfach so, ohne Bedauern. Zurück bleibt eine Weite, eine endlose, unbeschwerte, luftige Weite. Nicht mehr verhaftet an Dingen, die manchmal so lebenswichtig scheinen, so unentbehrlich, einfach nur wunschloses Sein. Wenn ich mich auf den Rücken drehe, sehe ich Blau über mir, in verschiedensten Schattierungen, durchzogen von feinen weißen Flöckchen, Linien, Streifen, hauchzarten Gebilden wie Spinnfäden. Direkt über mir ist es am dunkelsten, dieses Blau, sattblau, zu den Seiten hin wird es heller, blasser, verwaschener. Am fernen Horizont bildet er eine scharfe Linie, der Himmel, einmal rund um mich herum. Das Gekreisch der Möwen. Und dann, dann fährt in der Ferne, mitten durch diese Sandwüste, am fernen Horizont ein Schiff. Zwei Fingerbreit groß.
Reisen putzt den Kopf durch. Es reinigt die Seele, bringt den Körper auf Touren und schafft neue Verbindungen, im Denken wie im Leben. Durch das Fernglas des Reisens betrachtet relativiert sich vieles, vieles taucht neu auf, das schon vergessen schien, vielleicht mit neuer Bedeutung versehen. Reisen lädt ein, einen anderen Blick auf die ewig gleichen Dinge zu werfen. Ich lasse mich durchpusten vom Wind, ich reibe den Sand auf meiner Haut, laufe durch Straßen und Gassen, deren Namen mir fremd sind, über kleine und breitere Wege, durch Landschaften und Gegenden, immer den Strand entlang, ich laufe durch Dünen und Wälder, über Heidegräser, Wiesen, über Brücken und Stufen… ich laufe weiter und weiter… wohin meine Sehnsucht mich treibt.
Irgendwann höre ich auf die Tage zu zählen. Zeit verliert ihre alltägliche Bedeutung. Ich orientiere mich an der Sonne, den Wolken, am Hunger, an den Öffnungszeiten der Lokale, am Geschrei der Vögel, an Helligkeit und Finsternis. Tage, Wochen fließen übergangslos ineinander.
Und irgendwann ist der letzte Tag da. Zeit erhält ihre menschengemachte Form zurück. Strukturiert sich wieder zu Minuten, Stunden, Tagen. Wann muss das Zimmer geräumt sein? Wann fährt der Bus, das Schiff? Ich studiere wieder Zeitpläne, zahle meine Rechnungen, ziehe noch einmal los, kaufe Kleinkram, Süßigkeiten, Tee, bunte Grußkarten, Mitbringsel für Zuhause. So lange das Geld reicht. Noch schnell einpacken was geht von dieser Herrlichkeit. Der Abschied liegt in der Luft, lässt sich nicht mehr leugnen. Alles sieht anders aus. Die Vergänglichkeit hat ihre Netze wieder ausgeworfen. Ich laufe noch mal durch die Straßen, die mir vertraut geworden sind, den Strand entlang, die Waldwege, Uferpromenaden, ich sauge alles in mich auf, Gerüche, Geräusche, Bilder verschmelzen zu einer melancholischen Sehnsucht. Nichts lässt sich halten, nichts währt ewig, aus der scheinbaren Zeitlosigkeit heraus pocht die Veränderung bereits wieder an die Tür.
Sitze ein letztes Mal in meinem Stammlokal mit dem schattigen Gastgarten. Hinter mir ein dicke Efeuwand, die ihre Finger nach mir ausstreckt. Ich trinke Bier. Ein kühler Wind streift mir über die Haut. Aus der geöffneten Lokaltür dringen Gerüche, Fisch, verschiedene Gewürze, gebratene Zwiebeln kann ich ausmachen. Am Nebentisch haben drei Frauen Platz genommen. Die Jüngere hat einen kleinen Jungen neben sich auf den Stuhl gesetzt, redet leise auf ihn ein, die anderen beiden Frauen studieren die Speisekarte. Über allem liegt eine träge Frühnachmittagshitze. Der Kopf ist leer, weit, ausgeräumt. Ich freue mich auf das bestellte Muschelpfännchen. Es gibt nichts zu tun. Außer sitzen und sein. Schön. Angenehm. Für den Moment. Dann nehme ich ein Buch zur Hand und lese weiter in den Reisenotizen eines anderen. Morgen geht es wieder heimwärts.
Wie sagte Albert Camus: „Das Reisen führt uns zu uns selbst zurück“. Und Oscar Wilde meinte: „Reisen veredelt wunderbar den Geist und räumt mit all unseren Vorurteilen auf.“