Tage wie Buntstifte
Ich gestatte mir auch schlechte Tage. Tage, an denen ich morgens kaum aus dem Bett komme. An denen ich statt aufzustehen lieber die Decke über den Kopf ziehen und mich im Deckendickicht verkriechen wollte. Tage, an denen meine Stimmung einem nasskalten trübgrauen Matschwetter gleicht. Oder noch schlimmer: Wenn alles wie durch eine schwarze Brille gefiltert nur mehr schrecklich, düster und hoffnungslos erscheint. Kein Sonnenstrahl in Sicht. Was gestern noch Grund zur Freude schien, zeigt heute die Kehrseite, das zweite Gesicht. Wendet mir achtlos den Rücken zu.
Ja, es gibt sie, diese Tage.
Wie auch die Sonnentage, an denen die Welt in mir und rund um mich rund läuft, an denen ich glücklich bin oder zufrieden oder doch positiv gestimmt.
Es gibt die ganze Palette an Tagen in meinem Leben – wie eine üppig bestückte Schachtel Buntstifte, es gibt alle Farben, jeder Stift darf mal zum Einsatz kommen.
Früher dachte ich, ich müsste sie loswerden, ausrotten, diese düsteren Tage. Die dunklen Stifte. Die sollten, die durften nicht sein. Allein die Tatsache, dass sie immer wieder auftauchten, war schon Rückschlag, war Niederlage, war Grund zum Verzweifeln für sich. Niemand will gerne Matschwettertage. Dauernieselstimmung. Tiefhängende Wolken im Gemüt. Glückliche Menschen, bei denen alles läuft, die alles richtig machen, die kennen solche Tage nicht. Dachte ich. Lange Zeit.
Heute weiß ich, dass diese Tage dazugehören. Die dunklen Tage. Ebenso wie die Sommertage. Die Wind- und Regentage, die Sturm- und Gewittertage, die Frühlingsknospentage. Die von der Sonne wachgeküssten Tage. Der Sonnenaufgang wie der Sonnenuntergang. Seither heiße ich sie willkommen alle meine Tage und male mit ihnen mein ganz eigenes buntes Leben.