Psychokram

Burnout… im Gespräch

Der Profimusiker Jörg Zwicker hat mich für sein Buch interviewt – hier ein Auszug:

 

Was sind begünstigende Voraussetzungen für Burnout bzw. wie entsteht Burnout?

Die Beantwortung ist nicht ganz einfach, da es so viele Faktoren sind, die zu einem Burnout führen können. Das kann schon mit Prägungen in der Kindheit beginnen, wenn Kinder sehr früh allzu viel Verantwortung innerhalb der Familie übernehmen müssen. Es ist auch eine Typfrage: bin ich eine Helferseele, die es allen stets recht machen möchte, bin ich perfektionistisch veranlagt, mit hohen Ansprüchen usw. Wenn man schubladisieren möchte, kann man grob zwei Typen unterscheiden: zum einen den Ikarus-Typ, der mit großer Leidenschaft an die Dinge herangeht, sich weit hinauswagt und keine Grenzen akzeptieren will. Es sind nicht selten Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und für ihre scheinbar unendliche Energie und ihr Engagement bewundert werden. Dem gegenüber gibt es Menschen, die man gar nicht richtig wahrnimmt, die schwer „Nein“ sagen können, alles übernehmen, denen man jede Arbeit zuschanzen kann, die immer für andere da sind … bis sie irgendwann nicht mehr können. Auch sie haben ihre Grenzen permanent missachtet.
Und dann sollte noch berücksichtigt werden, dass auch ein falscher Lebensweg, der mir nicht entspricht, zu dem man sich vielleicht aus familiären oder beruflichen Umständen gezwungen sieht (z.B. das Familienbetrieb übernehmen müssen), ins Burnout führen kann.

Angesehen davon leben wir in einer Zeit, die immer mehr Tempo und Leistung verlangt – immer mehr in immer kürzerer Zeit – wir sind einer Dauerreizüberflutung ausgesetzt. Am Arbeitspatz wird oft genug nur auf kurzfristigen Gewinn und maximale Leistung gesetzt, der Druck wächst, kaum jemand hat noch Zeit sich in Ruhe mit seiner Arbeit auseinanderzusetzen. Dazu kommen möglicherweise Konflikte, Mobbing, ein schlechtes Klima am Arbeitsplatz, steigende Verantwortung bei wachsendem Termindruck etc. Und der Ausgleich, die Erholungszeiten werden weniger.

 

Welche auffälligsten Symptome kommen zum Tragen?

Die Symptome können auf allen Ebenen sichtbar werden: körperlich, kognitiv, emotional und im Verhalten. Sehr oft wird von Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen aller Art von Problemen mit der Verdauung, dem Magen-Darmbereich oder Hautproblemen berichtet. Es kommt zu Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Gefühlen von Überforderung, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, innerer Leere, die letztlich in eine Depression führen können. Zunehmende Konzentrationsschwierigkeiten, Blackouts und verstärkte Vergesslichkeit sind weitere häufig auftretende Merkmale. Die Fehlerhäufigkeit steigt, ebenso die Gefahr von kleineren und größeren Pannen und Unfällen. Meist kommt es zu einem sozialen Rückzug, weil man sich von allem überfordert fühlt.

 

Wie lässt sich Burnout aus psychologischer Sicht beschreiben?

Burnout ist ein Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Es ist das Ergebnis von Dauerstress bzw. lange andauernder Belastung, die unseren Organismus quasi im permanenten Alarmzustand hält. Es kommt zu einer chronischen Überforderung oder Über(be)lastung und zu einem Ausbrennen der (Lebens)Energie. Ein chronischer Erschöpfungszustand mit Krankheitsgefühl ist die Folge. Wobei dieser Zustand, in dem man dauerhaft weniger als 50% seiner Energie, seiner Lebenskraft zur Verfügung hat. laut Definitionen zumindest über sechs Monate andauert. Erfahrungsgemäß sind es meist aber schon Jahre, bis jemand bereit oder gezwungen ist, sich diese Tatsche einzugestehen und aktiv etwas in seinem Leben zu ändern.

 

Welche Schwierigkeiten gibt es in der Diagnose von Burnout?

Wie schon gesagt gibt sehr viel unterschiedliche Symptome. Körperliche Beschwerden werden oft nur auf dieser Ebene behandelt, die Ursachen dahinter werden nicht erkannt. Darüber hinaus gilt Burnout nach wie vor nicht als offizielle Diagnose (laut ICD-10) und wird von manchen Schulmedizinern noch als „Mode“-Diagnose abgetan. Burnout erfordert eine sehr gründliche und genaue Abklärung.

 

Was sind die größten Irrtümer in Bezug auf Burnout?

Viele denken sich, dass man Burnout einfach „aussitzen“ kann, und es sich, ohne eigenes Zutun, von selbst legen wird. Abwarten verschlimmert die Lage zumeist nur. Burnout wird einerseits gerne bagatellisiert, andererseits wird der Begriff manchmal missbräuchlich für momentane Müdigkeit und kurzfristige Erschöpfung verwendet. Man spricht von Burnout allerdings erst, wenn dieser Erschöpfungszustand schon mindestens ein halbes Jahr andauert. Viele der Symptome können auch auf andere Krankheiten verweisen (Schilddrüse, Mineralstoffmangel etc.), deshalb sollte immer eine gründliche medizinische wie psychologische Abklärung erfolgen.
Ein weiterer Irrtum ist, dass es sich hierbei ausschließlich um eine Überarbeitung, ein Zuviel an Arbeit handelt. Einstellungen, Glaubenssätze, äußere Umstände, chronische Konflikte, Dauerdruck am Arbeitsplatz, mangelndes Selbstvertrauen, Dauergrübeleien, mangelnde Selbstfürsorge usw. können eine Burnout Entwicklung begünstigen.

 

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Zunächst bedarf es einer gründlichen interdisziplinären Abklärung des IST-Zustandes – sowohl von der psychologischen als auch medizinischen Seite. Es ist wichtig, dass man hierfür einen Arzt und einen Psychologen bzw. Psychotherapeuten aufsucht, dem man Vertrauen schenkt, der ausreichend und neutral informiert. Je nach Gesamtverfassung wird eine medizinische und psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sein. Von medizinischer Seite wird meist mit Medikamenten behandelt, von psychologischer Seite schaut man sich an, welche Ursachen es gab, die zum jetzigen Zustand geführt haben können, wie man seinen Energietopf wieder auffüllen, wieder zu Kraft kommen kann und vor allem: wie man künftig vorbeugen kann. Unverzichtbarer Bestandteil: die sogenannten Basics – ausreichend Schlaf und Erholung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und ein soziales Leben.

 

Wohin kann Burnout unbehandelt führen?

Zum Tod! Durch die Dauerbelastung können Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Krankheiten, Tumore etc. begünstigt werden. Durch zunehmende Unkonzentriertheit steigt die allgemeine Unfall- und Verletzungsgefahr. Manchmal verlieren Betroffene ihr familiäres Umfeld, weil auch Partner und Kinder massiv unter ihrem Burnout leiden und mit diesem Zustand auf Dauer nicht zurechtkommen. Oder sie verlieren ihren Arbeitsplatz, weil Fehlerhäufigkeit und Krankenstände steigen und ihr Verhalten anderen gegenüber (erhöhte Reizbarkeit, Aggressivität, sozialer Rückzug) nicht mehr akzeptabel ist. Das daraus resultierende fehlende soziale Umfeld führt nicht selten zur Vereinsamung und im schlimmsten Fall zu Suizid. Auch die Gefahr von Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch wächst eklatant.

 

Welche Präventionsmöglichkeiten gibt es?

Zunächst seien nochmals die Basics genannt: wir brauchen ausreichend Schlaf und Erholung, eine ausgewogene Ernährung, regelmäßig Bewegung und ein soziales Umfeld – das ist im Grunde nicht diskutierbar, weil lebensnotwendig! In weiterer Folge sind Hobbys und alles was Freude macht, sehr wichtig für die Ausgeglichenheit. Ein Zauberwort ist: Entspannung!

Es geht im Prinzip immer um ein Auffüllen der „Energiespeicher“. Das alltägliche Leben braucht Energie, je nach Anforderung mal mehr mal weniger. Was man an Energie verliert, muss man auf anderer Seite wieder auffüllen. Leider kommen wir in Stress-Situationen in einen negativen Kreislauf. Je mehr Stress wir haben, umso weniger nehmen wir uns Zeit für Burnout-präventive Maßnahmen. Um den Energietopf immer wieder aufzufüllen muss ich einerseits wissen, was mir guttut (was viele nicht können). Andererseits müssen Stressräuber identifiziert und in weiterer Folge reduziert werden.

 

Was raten Sie Menschen, die das Gefühl haben, Burnout-gefährdet zu sein?

Es gibt die „ich brauch niemanden, hab das immer alleine geschafft“-Patienten. Genau diese Haltung kann Teil der Burnoutentwicklung sein. Es gibt mittlerweile im Internet und in der Literatur zahlreiche Tests, in welchen man seinen Gefährdungsstatus überprüfen kann. Sollten Selbstreflexion oder Gespräche mit nahestehenden Menschen nicht weiterhelfen ist es ratsam, sich medizinische und psychologische Hilfe zu suchen. Vielleicht findet man nicht beim ersten Kontakt jemanden, bei dem es „passt“. Manche geben dann auf. Daher empfehle ich, sich mehrere Therapeuten oder Ärzte anzuschauen. Man sollte sich auf jeden Fall selbst so wichtig nehmen und die Zeit nehmen um zu überprüfen, ob man selbst (noch) in der Lage ist gegenzusteuern oder bereits fremde Hilfe benötigt.

 

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Aus dem Buch von Jörg Zwicker: 30 Stunden Flow. Vom Burnout zum Adventure Race. Best-off-Verlag, 1. Auflage 2016.