Es gibt sie ja doch: Vergessene Frauen
Ich bin geboren und aufgewachsen in einer Welt der Männer. Auch wenn ich über viele Jahre abgeschirmt war in Mädchenschule- und Internat – draußen bestimmten Männer das Weltgeschehen, Männer regierten die Welt. Die Welt und die Politik, die Geschäfte und die Wirtschaft, die Stadt-, Verkehrs- und Raumplanung. Den Entwurf und Bau von Häusern und Wohnungen. Die Geldgeschäfte. Die Vergabe von staatlichen Leistungen. Die Personalauswahl in Ämtern, Schulen, Krankenhäusern. DER Chef war männlich. DIE Sekretärin war weiblich. Wer Karriere machte, bestimmten die Männer. Wer in den Medien erwähnt, ausgezeichnet wurde, war von Männern auserwählt.
Sportler, Komponisten, Maler, Architekten. Schriftsteller, Geistliche, Dichter und Denker. Erfinder, Ärzte, Soldaten. Eine Welt voller Männer. In den Schul- und Geschichtsbüchern – Männer. Religion, Philosophie, Medizin – nichts als Männer. Technik und Forschung – Männer.
Frauen kamen in dieser Welt, in der ich aufgewachsen bin, nicht vor. Nicht im Draußen, in der Öffentlichkeit. Natürlich, in der Mädchenschule haben die längste Zeit nur Frauen unterrichtet – Nonnen. Der einzige Priester vor Ort – ein Mann. In den Häusern und Gärten, hinter den Wänden und Zäunen, da lebten die Frauen. Kümmerten sich um Mahlzeiten, Gesundheit, Ordnung, die Erziehung der Kinder, um frisch gewaschene Wäsche. Manche Frauen „durften“ arbeiten gehen, andere nicht.
Ich erinnere mich an mein Staunen, als ich zum ersten Mal zu einer Ärztin kam. Einer Polizistin begegnete. Professorinnen auf der Uni. Meinungsmacherinnen in den Medien. Ich hatte keine Rollenvorbilder, keine Modelle. Frauen waren kaum präsent in der Öffentlichkeit.
Und wenn dann als model-beautys, als Laufstegschönheiten, als Aufputz am Arm alter Männer. In der Werbung duften sie lächelnd das Putztuch schwingen. Oder sich halbnackt auf diversen Plakaten rekeln.
Nur langsam tauchten die ersten von ihnen in meiner Welt auf: Anne Frank und Simone de Beauvoir. Kleopatra. Silvia Plath und Luise Rinser. Hannah Arendt. Josephine Baker. Anais Nin. Inge Morath. Pina Bausch. Marie Curie und Frida Kahlo. Eva Peron und Hildegard von Bingen. Mutter Teresa und Maria Callas. Jane Goodall. Die Bachmann. Ganz allmählich wurden Frauen sichtbar. Für mich erkennbar. Tauchten auf aus der Versenkung. Es gab sie ja. Frauen, die außergewöhnliches geleistet hatten. Die sich ihren Platz in Schul- und Geschichtsbüchern erobert, verdient hatten. Oder hätten. Denn: wenn ich als junge Frau im Klassikkonzert saß – da gab es den Dirigenten. Die Musik verschiedenster Komponisten. Musiker. Dass auch Frauen zu komponieren verstehen, dirigieren, ein Instrument spitzenmäßig spielen können, das musste auch in meinem Denken erst langsam Platz finden. Das ist bis heute noch nicht selbstverständlich in unserer so zivilisierten Welt.
Doch es hat sich einiges getan in den vergangenen Jahrzehnten. Frauen nehmen sich langsam ihren Platz. Werden genannt, bekannt. Noch immer zu wenig, noch lange nicht im gleichen Ausmaß wie Männer. Doch es gibt immer mehr großartige Frauen, von denen wir erfahren. Und es gibt immer mehr großartige Frauen, die sich darum kümmern, dass wir von anderen Frauen erfahren. Von ihren Leistungen, ihrem Wirken, ihren Erfindungen, ihrer Kunst, ihrem Engagement.
Eine dieser großartigen Frauen, die andere Frauen ins Licht holen, dem Vergessen entreißen, ist Birgit Ebbert. Sie hat im Juni 2023 einen Blog gestartet, auf dem sie Frauen vorstellt, die bislang wenig bis gar nicht bekannt sind. Deren Erfolge, deren Lebenswerk totgeschwiegen wurden. Null Information. Null Erwähnung. Ausgelöscht.
Umso großartiger diese Initiative von Birgit Ebbert: den vergessenen Frauen der Geschichte wieder und endlich ihren Platz einräumen. Anerkennung zukommen lassen. Die Auswahl ist, wie die Autorin schreibt, subjektiv, zufällig – und groß. Birgit Ebbert recherchiert lange, viel und genau – und sie hat schon einiges erreicht mit ihren „Ausgrabungsarbeiten“. Da tauchen Namen auf wie:
Aenne Brauksiepe, Amalie Zepheryne Salm-Kyrburg, Anna Mettbach, Carola Karg, Carola von Braun, Cato Bontjes van Beek, Charlotte Israel, Elisabeth Haines, Elisabeth Schmidt, Elisabeth Selbert, Ellisabeth Schwarzkopf, Else Ury, Erika Mann, Erna Brehm, Eva Niestrath-Berger, Frieda Nadig, Gerda Taro, Germaine Tillion, Gertrud Arndt, Gretel Maraldo, Helene Wessel, Helga Schuchardt… und noch unzählige andere.
Es lohnt sich allemal, auf diesem Blog zu stöbern – das ist Geschichtsschreibung mal anders. Was bisher unerwähnt und unbenannt geblieben ist, hier wird von ihnen erzählt: den Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen und Widerstandskämpferinnen, den Unternehmerinnen, Schriftstellerinnen, Pädagoginnen, Sozialreformerinnen… es gibt sie nämlich doch!!!
Ein großes Danke an Birgit Ebbert!