Alltagsallerlei

neurodivergent – ich

Menschen sind verschieden. Es hat lange Zeit gebraucht, bis ich herausgefunden habe, worin meine Verschiedenheit liegt. Dass ich anders bin als andere ist mir schon früh aufgefallen. Ich habe versucht mich anzupassen. Meine Verschiedenheit zu verstecken. Zu tarnen. Zu maskieren. Ich wollte so sein wie alle anderen, die ich kannte. Und ich habe mich bemüht mitzuhalten. Zu lernen, zu sehen, was andere tun, wie sie ticken und denken. Und das dann nachzumachen. Ich wollte dazugehören. Das war nicht immer leicht.

Und mit zunehmendem Alter ist es mir zunehmend schwerer gefallen. Irgendwann waren meine Ressourcen aufgebraucht. Ich war müde, erschöpft, hatte keine Energie mehr. Und wusste nicht mal so genau warum. Ich wusste nur, dass das bei anderen nicht so war. Irgendetwas passte bei mir nicht. Diesen Verdacht schleppte ich schon mein ganzes Leben mit mir herum. Irgendwann dann die Erkenntnis: ah, ich bin eine HSP, hochsensibel also. Diese Begrifflichkeit war noch jung, vielfach unbekannt, es gab noch wenig Wissen, Literatur dazu. Ich habe mich in die Materie eingegraben, alles gelesen, was ich dazu in die Finger bekommen habe… Elaine Aron als Pionierin, auch sie Psychologin und HSP, hat erste Bücher dazu geschrieben. Das Thema schwappte allmählich nach Europa, ins aktuelle Bewusstsein. Nicht für jede und jeden greifbar, verstehbar, akzeptiert, aber für viele eine enorme Entlastung: das bin ja ich, so ticke ich! Endlich eine Erklärung. Endlich ein Etikett. Ein Begriff, ein Wort, für das, was ich bin, fühle, erlebe. So mag es vielen ergangen sein. So ist es auch mir ergangen. Und dennoch: irgendwie griff diese Beschreibung, dieses Persönlichkeitsmerkmal zu kurz für mich. Zu vieles war noch unklar, konnte mit HSP nicht erklärt werden.

Dann tauchten irgendwann in meinem Sichtfeld Begriffe auf wie Neurodivergenz, Neurodiversität. Autismus, ADHS bei Erwachsenen. Wer Bilder aus Filmen wie „Rain Man“ im Kopf hatte, konnte dort nicht andocken. ADHS war lange Zeit nur die Diagnose für verhaltensauffällige, lästige Jungs, die nicht zu bändigen waren. Plötzlich aber ging diese Thematik auf, weitete sich. Ein Spektrum tat sich auf. Nicht nur eine Diagnose mit fixen, klar bestimmten stark ausgeprägten Symptomen, sondern eine ganze Palette an unterschiedlichen Erlebens- Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen. Nicht nur im Kindes- und Jugendalter – sondern etwas, das sich ein Leben lang durchzieht. Das Wissen heute: ADHS gibt es auch im Erwachsenenalter! Und ja, auch bei Frauen.

Ich bin 62 und habe heute meine ADHS-Diagnose erhalten. Und das beutelt mich ordentlich. Aus verschiedensten Gründen. Geahnt, gespürt, ja gewusst habe ich es schon länger… nun ist es offiziell. Und erklärt mein ganzes bisheriges Leben. Setzt all die vielen unzusammenhängenden Puzzleteile zusammen – die nun ein Ganzes, ein Bild ergeben. Einen Namen haben. Eingeordnet werden können.

Diese Thematik ist jetzt mal vorrangig in meinem Leben. Hier finde ich Antworten. Hier kann ich das Puzzle meines Lebens zusammensetzen. Erklärungen finden. Klarheit schaffen. Für mich, aber auch für andere. Die Menschen, die mich kennen, irgendwann kennengelernt haben. Und oftmals vermutlich verwundert, enttäuscht, verärgert waren, weil sie mein Verhalten nicht einschätzen konnten. Weil ich nichts oder nur schwer erklären konnte. Oder auch nicht gehört wurde. Weil es früher dazu einfach noch nicht viel Wissen gab.

Ich werde mich mit diesem Thema künftig intensiver beschäftigen. Mir weiter Informationen holen, Literatur, Podcasts, Videos reinziehen. Ich werde Gespräche führen. Und ich werde darüber berichten, darüber schreiben.

Es betrifft nämlich viele.

Und es hilft, die Dinge beim Namen zu nennen.

 

(Zeichnung: Heinz Payer – mit Dank)