Alltagsallerlei

Ein paar unsortierte Gedanken…

… zum Thema ADHS. Bei mir purzeln grad unzählige Erinnerungen wild durcheinander. Jetzt erst versteh ich so viele Situationen in meinem bisherigen Leben. Momente der Überforderung, der massiven Überlastung. Ich war mein halbes Leben lang müde, oft erschöpft. Und habe mich weitergetrieben durch den Tag. Durch die Verpflichtungen. Bis ich nicht mehr konnte. Daheim umgekippt bin und nur mehr meine Ruhe haben wollte. Schwer zu verstehen, wenn man nicht weiß, was los ist. Schwer zu erklären, wenn man sich schämt dafür, Ausreden sucht, warum man grad nicht funktionieren kann.

Oje.

Meine Aufmerksamkeit als ADHSlerin ist begrenzt. Ich habe jeden Tag eine gewisse „Menge“ an Konzentration zur Verfügung (mittlerweile deutlich weniger als in jungen Jahren) – die muss ich mir gut einteilen. Wenn der Vormittag anstrengend verläuft, ist nachmittags nichts mehr übrig an Aufmerksamkeit, an zuhören-können.

Was mein ADHS-Gehirn sowieso nie wirklich mochte, immer schwer aushalten konnte, waren elendslange Vorträge, Monologe, Seminare ohne Punkt und Pause. Das konzentrierte Zuhören, mich in ein Thema vertiefen beschränkt sich bei mir mittlerweile auf 2, 3 Stunden am Tag, dann brauch ich Erholung, Rückzug.

ADHS bei Erwachsenen, Neurodivergenz, das mag vielleicht auf den ersten Blick ganz harmlos klingen – aha, ja klar. Ist ja eine Wunderwaffe, sagt sogar Heidi Klum. Was aber an Leid und Elend dahintersteckt, wieviel Erschöpfung, Kraftlosigkeit, Verzweiflung, weil man nicht mithalten kann, weil man sich schwer erklären kann, nicht gehört, nicht verstanden wird – das ist die Kehrseite der Medaille.

Eine liebe Freundin, auch vom Schicksal gebeult, hat letztens dazu gemeint:

„… aber erwarte bitte nicht allzu viel VERSTÄNDNIS! wer dein Problem nicht hat, KANN es sich einfach nicht vorstellen! Mein „Schaden“ ist ein anderer, aber dennoch kommen die „Gesunden“ nicht damit zurecht! Lass dich bitte nicht entmutigen…“

Ja, kaum jemand kann eine Herausforderung wirklich verstehen, nachvollziehen, solange er/sie nicht in ähnlichen Schuhen gegangen ist (oder sehr viel Einfühlungsvermögen besitzt, nachfragt und nicht gleich urteilt).

Aber ich weiß jetzt zumindest, was los ist. Das Kind hat einen Namen. Ich werde gut, besser für mich sorgen. Versuchen, meine Bedürfnisse, meine Grenzen gut wahrzunehmen, ernst zu nehmen, zu artikulieren, mitzuteilen. Ich nehme mir meine Pausen, suche meine Rückzugsinseln. Große Veranstaltungen, Menschenmassen, Lärm, ein Zuviel an Eindrücken im Außen, ewiglange Vorträge, Monologisierereien meide ich. Und ja, ich versuche auch, die Stärken, die Vorteile einer ADHS zu sehen, zu verstehen und zu nutzen. Darüber ein anderes Mal mehr.

Jetzt ist Pause angesagt 😊

 

Literatur zu Neurodivergenz | KARIN KLUG