Neuro – was?
Neurodiversität & Neurodivergenz
Neue Begriffe, die sich da breitmachen. In der Fachwelt. Der Medizin. Auf social media. Im Gesundheitsbereich. Im Sozialbereich. Der Psychologie sowieso.
Und erst einmal nach Erklärung, Definition schreien. Hier ein wagemutiger kurzer Versuch.
Vorweg: Neuron ist der fachliche Begriff für Nervenzelle. Die Neurologie beschäftigt sich entsprechend mit unserem Nervensystem, unserem Gehirn und seiner Entwicklung sowie den Abweichungen und seinen Erkrankungen und deren Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Neurodiversität?
Neurodiversität ist etwas Schönes. Es besagt, dass unsere Gehirne alle individuell funktionieren, dass wir unterschiedlich sind, unterschiedlich ticken. Jeder Kopf ist einzigartig. Anders. Diversität heißt Vielfalt. Vielfalt, die letztlich auch zum Überleben einer Spezies beiträgt. Wir sind alle neurodivers – in diesem Sinne. Unterschiedlich. Jedes Hirn ist anders. Und wertvoll.
Den Begriff eingeführt, benamst hat die Soziologin Judy Singer bereits 1997. Er beschreibt die wunderbare Vielfalt aller Menschen. Jedes Gehirn – wie jeder Fingerabdruck, wie jede Persönlichkeit, wie jede Schneeflocke – ist einzigartig. Unsere Denkweisen und neurologischen Entwicklungen sind Teil eines breiten Spektrums menschlicher Variation.
Neurodivers sind wir alle.
Wir unterscheiden aber auch noch zwischen neurotypisch und neurodivergent.
Neurodivergenz betrifft Menschen, die deren neurologische Entwicklung von der Norm abweicht. Die Norm, das sind neurotypisch funktionierende Menschen – im geläufigen Sprachgebrauch: Hirne und Nervensysteme, die sich ähneln, die in ihrer Entwicklung und Funktionsweise unsere gängigen Normvorstellungen erfüllen.
Damit schleicht sich auch schon der Begriff der Norm, das sogenannte Normale in diese Welt unsere Gehirne. Als neurodivergent werden Gehirnfunktionen bezeichnet, die nicht der neurologischen Norm entsprechen.
Aktuell zählen dazu: ADHS/ADS (AufmerksamkeitsDefizit-Hyperaktivitäts-Störung), Autismus Spektrum, Legasthenie, Dyskalkulie, Dyspraxie, Tourette-Syndrom, auch HSP (Hochsensibilität) wird meist genannt. HSP ist ein angeborenes, neurologisches Merkmal, das Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen deutlich intensiviert. HSP ist ganz klar keine medizinische Diagnose, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.
Und – meiner Einschätzung nach – ein Merkmal, dass bei Neurodivergenten sowieso meist als „Symptom“ mit dabei ist.
Im weiteren Sinne werden oft noch Hochbegabung, Synästhesie, Alexithymie, manchmal auch Epilepsie und Narkolepsie zum Neurodivergenzspektrum dazugezählt.
Nächster Knackpunkt: Wovon sprechen wir nun aber eigentlich?
Geht es bei Neurodivergenz um – eine Störung? Eine Behinderung? Ein Verhaltensproblem? Eine Krankheit? Eine besondere Begabung gar?
Man spricht heute von Entwicklungsabweichungen, die allerdings verschiedene Schweregrade bzw. Ausprägungen erreichen können.
Es wird mittlerweile heftig diskutiert, ob es dabei um Krankheit/Behinderung geht oder um eine neurodiverse „Spielerei“. Ob Behinderung nicht oft von außen entsteht, durch die Rahmenbedingungen, die unsere Gesellschaft geschaffen hat.
Die Neurodiversitätsbewegung setzt sich seit den 1990er Jahren dafür ein, neurologische Differenzen nicht zu pathologisieren sondern als Neurodiversität zu verstehen, weg vom Defizit-Denken. Es gehe um unterschiedliche Arten, die Welt zu erleben und in und mit der Welt zu sein. Inklusion, Akzeptanz und Anpassung von Gesellschaft und Institutionen werden gefordert, um diese Unterschiede lebbar zu machen.
Schwer beeinträchtigte Menschen argumentieren allerdings, dass dadurch ihr Leid und Leidensdruck, das Ausmaß und die Schwere ihrer Beeinträchtigung nicht gesehen/anerkannt würden.
Was also ist okay, gesund, nur eben anders?
Und was soll/muss/kann als Krankheit, Behinderung, Störung betrachtet werden?
Denn manchmal wird eine medizinische Diagnose erstellt/benötigt. Manchmal ist der Leidensdruck enorm, die Fähigkeit den Alltag zu bestreiten extrem eingeschränkt. Das Verhalten auffällig, das innere Erleben massiv belastet und belastend. Manchmal braucht es Medikamente, oft Therapie, Begleitung, Hilfe in der Alltagsbewältigung. Entsprechende Angebote. Ausreichend Wissen und Fachkenntnis im Gesundheits- und Sozialbereich. Manche Menschen werden als (schwer) behindert eingestuft, erhalten einen Behindertenausweis. Sind kaum oder nur bedingt arbeitsfähig.
Manche Menschen kommen soweit gut mit ihrem Leben, Alltag zurecht, bezeichnen ADHS oder HSP gar als ihre Wunderwaffe, ihre besondere Stärke. Können besondere Begabungen nutzen, in ihrem Alltag/Beruf einsetzen. Die Bandbreite ist also enorm.
Ich würde mal behaupten: so wie auch im neurotypischen Spektrum. Wo es von gesund bis krank, von nicht bis maximal eingeschränkt alles geben kann. Neurodivergenz kann von Extremverhalten und -Erleben und -Leiden hinreichen bis zu Normalität, dem sogenannt Neurotypischen. Die Grenzen sind fließend.
Die Antwort liegt vermutlich in der Mitte. Im sowohl als auch. Wie im neurotypischen Bereich gibt es gesunde und kränkere Menschen.
Ein praktikabler Hinweis ist, dass Symptome/Andersartigkeiten allein noch keinen Krankheitswert haben. Erst wenn die Lebensführung, der Alltag, das Erleben der Menschen stark beeinträchtigt ist, spricht man von Krankheit. Oder Behinderung. Braucht es Diagnosen. Und dann stellt sich noch die Frage, wer behindert ist oder eher behindert wird.
Reichlich Platz für Überlegungen, Definitionssuchen, Diskussionen, verschiedene Meinungen, verschiedene Zugänge. Unseren verschiedenen Gehirnen entsprechend eben.
Neurodiversität und Neurodivergenz sind Begriffe, die sich auf Unterschiede in Gehirnentwicklung und Funktionsweise beziehen. Neurodivergenz gilt dabei als Überbegriff für Abweichungen von der neurologischen Norm, dem neurotypischen und ist per se noch kein klinischer Begriff oder eine Diagnose.
Wie viele Menschen sind betroffen?
Schwer zu schätzen. Die Dunkelziffer hoch. Weil viele gar nichts davon wissen oder aber nicht darüber reden möchten. Weil es generell noch viel zu wenig Wissen, Angebote in der medizinisch-psychologischen Fachwelt dazu gibt. Weil die Diagnosekriterien, gerade im Erwachsenenalter, immer noch ein wenig schwammig sind. Und Diagnosemöglichkeiten rar gesät. Ganz zu schweigen von Therapie- und Hilfsangeboten. Verständnis, Aufklärung. Akzeptanz. Und weil nicht jede/r als krank und diagnosebedürftig eingeschätzt, erlebt und somit erfasst wird.
Schätzungen gehen von 15 bis 20 % der Menschen aus.
Meiner Erfahrung, Einschätzung nach: mindestens!