Essay, Kolumne

Vom Burnout – und dem danach

Ja, auch ich war betroffen. Bin vor einigen Jahren sukzessive ins Burnout gerutscht. Sehenden Auges sozusagen. Während ich schon eine Auszeit geplant hatte, weil ich merkte es geht so nicht mehr weiter, haben sich die Dinge überstürzt und mich komplett überrollt. Keine Reserven, kein Puffer mehr übrig. Nichts. Niente. Plattgewälzt vom Lauf der Ereignisse. Und ja, auch wenn ich vom Fach war, auch als Psychologin konnte mir das passieren. Weil sich Leben und Krankheit und Tod eben nicht aufhalten lassen.

Ich wusste was passiert, und hatte doch keine Kraft mehr dagegen zu steuern. Irgendwann ist man nicht mehr in der Lage, groß um Hilfe zu bitten, sich aktiv Unterstützung zu holen. Wie oft wusste ich am Morgen nicht mehr, wie ich es schaffen sollte den kommenden Tag zu überstehen. Irgendwann geht es nur mehr ums irgendwie Überleben. Ums Funktionieren. Ums durchhalten. Der Körper begehrt auf, Schmerzen stellen sich ein, die Kraft geht zu Ende.

Ich wusste das alles, theoretisch, hatte es zigmal gehört, mir erzählen lassen von anderen – nun konnte ich mir selbst quasi zuschauen bei diesem Prozess.

Nun kenne ich alles hautnah aus eigenem Erleben.

Ich hatte Glück. Ich hatte Menschen um mich, die für mich da waren, die mir geholfen haben. Natürlich, manch andere haben weggeschaut, wussten nichts mit mir anzufangen, haben sich abgewandt. Nicht jeder Hilferuf wurde gehört.

Mittlerweile habe ich mich aus dem Tief herausgearbeitet. Habe mich erholt, bin wieder zu Kräften gekommen. Mein Körper ist gesundet. Die Lebensfreude ist zurückgekehrt. Die Lust neues auszuprobieren. Ich schlafe wieder gut, habe meinen Tagesrhythmus, kann mich auf meine Arbeiten, meine Hobbies konzentrieren. Das Leben hat mich wieder.

Aber. Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Es ist ein langer und langsamer Weg raus aus der Erschöpfung. Immer noch ist mein Aktionsradius gering. Meine Reserven sind noch nicht komplett aufgefüllt, ich muss immer noch brav haushalten mit meiner Energie. Babysteps. Eins nach dem anderen. Ich genieße es, wieder Zeit zu haben für mich. Zum Tanztraining zu gehen. Freundinnen und Freunde zu treffen. Ins Theater zu gehen, zu Lesungen. Kleine Ausflüge zu machen. Aber. Immer noch wohl dosiert.

Immer noch in bescheidenem Rahmen. Vorsichtig. Immer noch mit Pausen dazwischen.

Noch traue ich mich nicht drüber über allzu große Aktivitäten. Es ist ein sich annähern. Ein sich herantasten. Mit genauem hinspüren, was tut mir gut, was brauche ich jetzt. Und was ist zu viel. Eigentlich selbstverständlich. In unserer Hektomatikwelt aber leider nicht mehr geübt. Erwünscht. Als normal angesehen.

Das Schwierige daher oftmals: das Unverständnis mancher Menschen. Das sich erklären müssen. „Warum machst du das nicht? Warum bist du da nicht dabei? Warum gehst du schon? Warum bleibst du nicht länger? Warum bist du so empfindlich? Warum kommst du nicht mit?“

Wer mal krank war, weiß, dass es eine Zeit braucht, bis man wieder fit ist. Bis man gewisse Dinge wieder mit einer Selbstverständlichkeit angehen kann. Bis sich die Grenzen wieder zu weiten beginnen. Je nach Schweregrad der Erkrankung dauert es eben auch länger bis sich Körper und Seele allmählich eingependelt, auf Normalspur gebracht haben.

Und wenn ich eines weiß und noch extra ausgiebig gelernt habe in den vergangenen Jahren: wie unendlich wichtig es ist, auf sich selbst zu hören. Seinem inneren Spüren zu vertrauen. Nicht dem Druck von außen nachzugeben, sondern bei sich zu bleiben. Auf seinen Körper, seine Bedürfnisse zu hören, egal was andere sagen. Egal wenn andere sich abwenden, mit Unverständnis reagieren. Es ist mein Körper, meine Seele. Ich alleine bin dafür verantwortlich. Ich entscheide, was mir guttut und was nicht. Gerade für mich als Frau, wichtiger denn je.

Wir alle haben nur diesen einen Körper, dieses eine Leben. Darauf sollten wir achtgeben, jeder/r von uns. Dafür tragen wir die Verantwortung. Wir alle wissen, spüren, was passt, was gerade richtig und was zu viel ist. Wo man nein sagen muss, um sich zu schützen. Um sorgsam mit sich umzugehen. Egal ob das vom Umfeld gerade für gut befunden und respektiert wird oder nicht.

Und das ist eine der manchmal schwersten Aufgaben im Prozess des Genesens – aber auch generell im alltäglichen Leben: Stopp zu sagen. Bei sich zu bleiben. Nicht andauernd über seine Grenzen zu gehen. Schön, wenn man Menschen um sich hat, die das verstehen, respektieren, die selbst mit dieser Achtsamkeit leben.

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